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Impfskepsis in Nigeria:Bizarre Gerüchte

Doch im Januar 2013 wiederholte Kaita die Vorwürfe auf der CD. Der Impfstoff enthalte verhütende Substanzen und solche, die Geburtsfehler auslösten. Die Kinder könnten Krebs, Aids oder Rinderwahn davon bekommen. Der Geistliche nannte das Programm einen "von den Amerikanern geplanten Genozid an der muslimischen Bevölkerung Nigerias". "Damit sind sie zu weit gegangen", erregt sich Pate. Gegen Kaita, den vom Staat bezahlten Hochschullehrer, konnte der Minister immerhin vorgehen. Der Professor veröffentlichte im April eine Klarstellung, rückte von seinen aufrührerischsten Thesen ab und beklagte zugleich, Sicherheitsbehörden hätten ihn unter Druck gesetzt und Kritiker seine wissenschaftliche Reputation beschädigt.

Als wäre Panikmache noch nicht genug, um das Programm zu behindern, kamen noch administrative Probleme hinzu. Nach einem Treffen von Pate mit Bill Gates vor einigen Jahren hat Nigeria die Polio-Fälle mit dessen Hilfe in ein geografisches Informationssystem eingetragen. Bald zeigte sich, dass sich die Neuerkrankungen an den Grenzen der Bundesstaaten und Distrikte häuften - dort, wo jeder dem anderen die Verantwortung zuschob, die entlegenen Dörfer zu besuchen. Weil Pate inzwischen Daten hortet, und auf der Reise sogar die Impfraten der besuchten Orte durchgeht, hat er mittlerweile die Verzahnung der verschiedenen Einheiten und Organisationen angeleiert.

Als der Minister nach seiner Reise im April wieder in der Hauptstadt Abuja war, kam eine Meldung aus Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Bei einem knapp dreijährigen Mädchen wurde am 9. Mai Polio nachgewiesen, das Virus stammte eindeutig aus Nigeria. Eine Woche später gab es einen zweiten Fall im somalischen Flüchtlingslager Dadaab in Kenia. Bis Ende September zählten die Behörden 191 Neuinfektionen. Und die GPEI musste einräumen, dass sie den Ausbruch nicht binnen 120 Tagen beenden kann, wie es ihr offizielles Ziel ist.

Immerhin scheint das Programm in Nigeria mittlerweile auf Kurs zu sein. Die unabhängige Prüfstelle für die Polio-Ausrottung, die das westafrikanische Land oft genug scharf kritisiert hatte, vergab im Mai gute Noten. "Das Tempo der Veränderungen von Nigerias Polio-Programm war in den vergangenen sechs Monaten größer als jemals zuvor", stellte das Polio Eradication Independent Monitoring Board fest. Die Fallzahlen lägen um 45 Prozent unter denen des Vorjahres.

Als Muhammad Ali Pate dann im Juli zurücktrat, wurde sein Beitrag allgemein gewürdigt. "Pate hat phantastische Arbeit geleistet, und es ist enttäuschend, dass er den Posten als Gesundheitsminister aufgibt", schrieb Michael Galway, der Nigeria für die Gates-Stiftung betreut. "Aber ich bin zuversichtlich, dass sich das Programm weiter in die richtige Richtung entwickelt."

Pate lebt inzwischen wieder in der Nähe von Washington bei seiner Frau und den sechs Kindern. Er hat eine Honorarprofessur an der Duke University in North Carolina und wird wohl die Gates-Stiftung beraten. Außerdem fliegt er jeden Monat für einige Tage in sein Heimatland. Aus den nördlichen Bundesstaaten Kaduna und Katsina, die er im April bereist hatte, sind seither keine Polio-Fälle gemeldet worden.

Dieser Text ist in einer längeren Fassung in Science erschienen, dem internationalen Wissenschaftsmagazin, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.sciencemag.org, www.aaas.org. Deutsche Bearbeitung: Christopher Schrader

© SZ vom 12.10.2013

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