Infektionskrankheiten Zu wenige Kinder sind vor Masern geschützt

Bei Masern ist die Quote der zweiten Impfung zu niedrig.

(Foto: dpa)
  • Das Robert-Koch-Institut hat die neuesten Impfquoten vorgelegt. Die zweite Masernimpfung haben demnach nur 92,8 Prozent der Kinder erhalten - zu wenig für einen ausreichenden Schutz.
  • Eine Impfpflicht ruft dennoch bei vielen Experten Zweifel hervor.
  • Die Fokussierung auf Masern droht den Blick auf weitere besorgniserregende Entwicklungen zu verstellen.
Von Berit Uhlmann

Derzeit beherrscht vor allem eine Krankheit die öffentliche Wahrnehmung: Die Masern verbreiten sich wieder in Deutschland, knapp 300 Fälle sind seit Jahresbeginn registriert, manche Schulen und Kitas schließen inzwischen ungeimpfte Kinder aus. Es gibt Ärger, Debatten, Grabenkämpfe - und den Plan der Bundesregierung, eine Impfpflicht für die hochansteckende Krankheit einzuführen. In dieser Gemengelage sind sachliche Beiträge willkommen. Wie also steht es um Deutschlands Impfbereitschaft?

Nach den neuesten Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) stagnieren die Raten der Masernimpfung. 97,1 Prozent der Kinder haben zum Zeitpunkt der Einschulung die erste Impfdosis erhalten - genauso viele wie im Jahr zuvor. Mit der zweiten für den Impfschutz nötigen Spritze können aber nur 92,8 Prozent der Kinder aufwarten; das sind 0,1 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Die Daten wurden 2017 im Zuge der Schuleingangsuntersuchungen erhoben. Es wurden also fünf- bis siebenjährige Kinder untersucht, deren Impfungen drei bis fünf Jahre zuvor fällig waren.

Dennoch zeigen die Zahlen, dass Deutschland erneut das weltweit gesteckte Ziel eines 95-prozentigen Impfschutzes verfehlt hat. Ab jener Schwelle findet das Masern-Virus nicht mehr genug Opfer, um sich großflächig zu verbreiten. Die Krankheit mit all ihren Komplikationen - Mittelohr-, Lungen-, Hirnentzündungen und sogar dem Tod - wäre dann eliminiert. Doch bislang haben lediglich Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg die nötige Quote erreicht. Am niedrigsten ist der Schutz in Baden-Württemberg; nur 89,1 Prozent der Schulanfänger sind mit vollständiger Masern-Impfung (zwei Injektionen) geschützt. Die Impfung wird in Kombination mit den Vakzinen gegen Mumps und Röteln verabreicht.

Rechtfertigt das verfehlte Ziel eine Impfpflicht, wie sie das Gesundheitsministerium aktuell plant? In dieser Frage gibt es sehr viel Skepsis unter Experten. Tracey Chantler, die an der London School of Hygiene and Tropical Medicine zu Impfungen forscht, sagt: "Die Tatsache, dass die Impflücken nur klein sind, spricht dafür, dass die meisten Menschen die Masernimpfung unterstützen. Eine Verpflichtung einzuführen könnte dieses Vertrauen untergraben."

Georg Marckmann, Ethiker an der Universität München rechnet im Fall einer Impfpflicht auch mit einer Gegenbewegung der Impfgegner. Und Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, weist darauf hin, dass eine Impfpflicht allein für die Masern, dazu führen könnte, dass andere Impfungen vernachlässigt werden. Wer sich in seiner Entscheidungsfreiheit beraubt fühlt, könnte sie sich quasi zurückholen, in dem er andere Immunisierungen ausschlägt. Experimentelle Untersuchungen der Wissenschaftlerin deuten in diese Richtung.

Tatsächlich könnte die Fokussierung auf Masern dazu führen, dass besorgniserregende Entwicklungen bei den anderen Impfungen übersehen werden. Zum dritten Mal in Folge sind laut RKI in Deutschland die Quoten jener lange bewährten Impfungen gesunken, die vor Keuchhusten, Kinderlähmung, Tetanus, Hepatitis B, Diphterie und Haemophilus influenzae Typ b (Hib) schützen. Sie nahmen in diesen drei Jahren um insgesamt 2,2 Prozentpunkte ab. Eine vollständige Immunisierung - mindestens vier Grunddosen - haben derzeit nur zwischen 87 und knapp 94 Prozent der Schulanfänger (siehe Grafik).