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Ihre Frage:Gibt es eine verborgene Suizidrate bei alten Menschen?

Sterbehilfe - Schweiz

In der Schweiz bieten inzwischen sechs Organisationen den "assistierten Suizid" an: Betäubungsmittel in einem Zimmer von Dignitas in Zürich.

(Foto: Gaetan Bally/dpa)

SZ-Experten beantworten Fragen von Lesern - diesmal geht es um den Tod alter Menschen. Gerade bei Senioren über 60 ist die Selbsttötungsrate sehr hoch. Womöglich bleiben viele Fälle unentdeckt.

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Gibt es eine verborgene Suizidrate bei alten Menschen?

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Von Christian Weber, Wissen-Redakteur der SZ

Längst nicht immer ist klar, ob hinter einem Todesfall eine Krankheit oder ein Unfall steckt, ein Tötungsdelikt oder ein Suizid. Rechtsmediziner klagen seit längerem, dass in Deutschland aus Kostengründen immer weniger Obduktionen vorgenommen werden, die solche Fragen in aller Regel klären können. Manche Experten glauben deshalb, dass ein Drittel aller Tötungsdelikte gar nicht als solche erkannt werden.

Unter anderem aus diesem Grund geht man davon aus, dass es auch bei den Suiziden eine große Dunkelziffer gibt, vermutlich gibt es deutlich mehr als die zuletzt 10 144 in Deutschland erfassten Fälle (Zahlen von 2011). Häufig hat der Hausarzt die Untersuchung der Todesursache nur nachlässig durchgeführt und den Totenschein schludrig ausgestellt, oder ein depressiver Autofahrer ist womöglich nicht aus Versehen, sondern mit voller Absicht in einen Baum gefahren, um sich umzubringen. In der Statistik zeichnen sich solche Fälle nicht ab.

All diese Probleme stellen sich verschärft bei den alten Menschen, obwohl sie ohnehin schon in der Statistik die höchsten Suizidraten zeigen: Rund 30 Prozent aller Suizide werden von den über 65-Jährigen verübt, sie stellen aber nur 15 Prozent der Bevölkerung. Psychiater vermuten, dass bei ihnen auch die verborgene Selbsttötungsrate besonders hoch ist: Zum einen darf man davon ausgehen, dass Ärzte bei vielleicht ohnehin sterbenskranken alten Menschen weniger genau hinschauen als bei Todesfällen im jungen und mittleren Alter. Vielleicht wollen sie auch nur den Angehörigen die Diagnose ersparen.

Hinzu kommen die sogenannten stillen oder verdeckten Suizide: Wenn alte Menschen aus Überdruss am Leben oder in einer depressiven Verfassung bewusst Nahrung verweigern, Medikamente weglassen oder überdosieren - etwa zu viel Insulin spritzen - kann das tödlich enden, ohne dass die suizidale Absicht erkannt wird.

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