Hypnose Schmerzlinderung durch Hypnose

Heute gehen Faymonville und andere Spezialisten davon aus, dass Hypnose Menschen in einen anderen Bewusstseinszustand versetzt. "Die Patienten können Abstand nehmen von dem, was um sie herum passiert, können stattdessen auf ihr inneres Erleben fokussieren", sagt die Ärztin. Im Gegensatz zur Meditation, bei der eine Konzentration der Gedanken unerwünscht ist.

Doch selbst moderne, bildgebende Verfahren erlauben es den Forschern nur ansatzweise, die Hirnprozesse unter Hypnose zu verstehen. Immerhin wissen Faymonville und Kollegen bereits, was bei Schmerzpatienten im Gehirn geschieht, wenn ihnen etwa vor einem Eingriff suggeriert wird, dass der Schmerz sie nicht stören wird. Dann nämlich ist die Aktivität im sogenannten dorsalen anterioren cingulären Kortex (dACC) reduziert, einem Bereich der Hirnrinde gleich hinter den Augen. "Der dACC kontrolliert das Gesamtsystem", sagt der Psychologe Wolfgang Miltner von der Uniklinik in Jena.

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Wie ein Dirigent über die Instrumente seines Orchesters bestimmt, verändert der dACC das Zusammenspiel verschiedener Hirnbereiche, die am Schmerzerleben beteiligt sind. Ähnliches geschieht, wenn zum Beispiel Patienten unter Hypnose suggeriert wird, dass sie ein Brett vor den Augen haben. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie Miltners. "Dann verändert der dACC ebenfalls das Zusammenspiel verschiedener Hirnbereiche, aber diesmal mit der Sehrinde", sagt Miltner.

Den Patienten kann Hypnose vor allem dabei helfen, mit ihren Erkrankungen besser zu leben. "Ich habe noch immer Schmerzen, räume ihnen aber viel weniger Raum in meinem Leben ein", wird Nicole Mathieu, die Dame auf dem schwarzen Ledersessel, später berichten. Vor 16 Jahren begannen die Schmerzen, erst im Rücken, dann in den Gelenken; sie hatte einen Bandscheibenvorfall erlitten, war an Fibromyalgie erkrankt. Die Ärzte verschrieben ihr Schmerzmedikamente, erhöhten die Dosis, wechselten zu immer potenteren Arzneien. Bis sie schließlich unter Morphin-ähnlichen Substanzen die Umwelt so wahrnahm, als hätte man sie in Watte gehüllt. Vor fünf Jahren wollte sie ihrem Leben ein Ende setzen.

Heute arbeitet die 59-Jährige mit dem runden, rosigen Gesicht als Bürokraft im gleichen Stockwerk wie Faymonville. Sie kümmert sich um Patientenakten, organisiert die OP-Kleidung, und immer zur Mittagszeit schließt sie für eine halbe Stunde die Tür ihres Büros. "Dann setze ich mich in meinem Bürostuhl und beginne selbst mit der Hypnose", berichtet Mathieu.

Ein Löwe hatte zugebissen, doch die Verletzte versicherte, sie habe keine Schmerzen

Genau das möchte Faymonville bei ihren Patienten erreichen - dass sie lernen, sich selbst zu hypnotisieren. "Wir zeigen ihnen nur, wie es geht", sagt die Ärztin. Die Gabe, sich selbst in Trance zu versetzen, besäße schließlich jeder. Wobei sich manche Menschen damit leichter tun als andere. Etwa zehn Prozent geraten sehr schnell in Trance - solche zum Beispiel, die sich beim Lesen eines Buchs so darin vertiefen, dass sie das Telefonklingeln überhören. Einem ebenso großen Anteil der Bevölkerung fällt es dagegen sehr schwer, sich darauf einzulassen, schätzen Experten. Die sollten sich eher auf andere Therapien konzentrieren, ebenso wie auch Patienten mit akuten Psychosen oder schweren Persönlichkeitsstörungen. "Die übrigen können die Technik mit etwas Übung lernen", sagt Faymonville. Und damit aus den Ressourcen des eigenen Körpers schöpfen, um gegen ihre Erkrankung anzugehen.

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Oder auch, um lebensgefährliche Situationen zu überstehen, wie jene Frau mit der blutenden Bisswunde, über die Faymonville gern berichtet. Bei einem Zoobesuch war ein Steg unter der Dame zusammengebrochen. Sie fand sich plötzlich im Raubtiergehege wieder, ein Löwe riss ihr eine Fleischwunde in den Oberschenkel. Sie habe keine Schmerzen, versicherte die Verletzte der Ärztin, als sie in der Notaufnahme der Uniklinik Lüttich eintraf. "In solchen Extremsituationen können sich Menschen sehr schnell in Trance versetzen, um zu überleben", sagt Faymonville.

Wie Hypnose Gesunden und Kranken helfen kann, wird die Medizinerin an diesem Abend auf der Bühne des Festsaals der Krankenpflegeschule in Lüttich erklären. In hellblauen, dunkelblauen und weißen Tabellen wirft die Ärztin die Ergebnisse einer Studie aus dem vergangenen Jahr an die Wand. An mehr als 500 Schmerzpatienten konnte Faymonville beobachten, dass ihnen die Selbsthypnose mehr half als etwa eine Physiotherapie oder Psychoedukation.

Die Lebensqualität stieg stärker an als in den Vergleichsgruppen, Ängste, Depressionen sowie Schmerzen nahmen dagegen ab, so die Ergebnisse im European Journal of Pain. Auch der jüngst erschienene Übersichtsartikel im Deutschen Ärzteblatt bestätigt diese Resultate.