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Hygiene in der Pflege:Händewaschen reicht nicht immer

Wer einen alten oder kranken Menschen versorgt, braucht unter Umständen Handschuhe, Desinfektionsmittel und Mundschutz. Welche Hygienemaßnahmen Pflegende beachten sollten.

Von Berit Uhlmann

Wer beim Lesen dieser Zeilen mit dem Finger über den PC-Rand oder das Smartphone fährt, wird einen ganzen Mikrokosmos durcheinander wirbeln. Hunderttausende Bakterien und Viren werden aufgeschreckt, manche werden am Finger haften bleiben und weiterwandern - auf Türklinken, Telefonhörer, Kugelschreiber. Gesunde Menschen können sie in vielen Fällen durch gründliches Händewaschen ausreichend reduzieren und die verbleibenden Keime durch ihr Immunsystem in Schach halten. Doch die Mikroben können bei alten und chronisch kranken Menschen schwere Infektionen auslösen. Wer einen Angehörigen pflegt, kommt mit Händewaschen allein oft nicht aus.

Kritisch sind vor allem die Mundpflege, die Versorgung von Wunden und alle Berührungen von Geräten, die in den Körper des Kranken hineinführen, etwa Blasenkatheter oder Infusionsleitungen. Diese sensiblen Bereiche brauchen einen doppelten Schutz: Die Hände werden zunächst mit einem alkoholhaltigen Desinfektionsmittel eingerieben und Einmal-Handschuhe angezogen. "Für die Pflegetätigkeiten zuhause reichen meist unsterile Handschuhe", erläutert Ernst Tabori, Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene an der Universität Freiburg.

Mit Gefühl für die Fingerspitzen - Richtige Händedesinfektion

Ärzte und Pflegepersonal lernen in ihrer Ausbildung eine Abfolge aus festgelegten Schritten, nach denen sie ihre Hände zu desinfizieren haben. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass dieses starre Schema nicht unbedingt erforderlich ist. Wer die Reihenfolge variiert, vernichtet genauso viele Keime - vorausgesetzt er beachtet die Grundregeln.

Entscheidend ist, dass die gesamte Haut der Hände mit Desinfektionsmittel benetzt wird, auch die Finger-Zwischenräume. Besonderes Augenmerk sollte auf den Spitzen von Fingern und Daumen liegen, die naturgemäß am häufigsten mit Keimen in Berührung kommen. Dazu werden am besten einige Spritzer Desinfektionsmittel in die hohle Hand gegeben und die Fingerspitzen der anderen Hand darin gebadet. Durch leichte Drehbewegungen werden die Fingerspitzen gleichmäßig benetzt. Die Daumen werden von freien Hand umschlossen und eingerieben. Wichtig ist schließlich noch, die keimtötende Flüssigkeit 30 Sekunden lang einwirken zu lassen. Wird diese Zeitspanne verkürzt, wirkt das Mittel schlechter.

Damit keine Erreger von einer Körperstelle zur anderen verschleppt werden, muss diese Prozedur zwischen verschiedenen Pflegehandlungen wiederholt werden. So heißt es etwa nach der Mundpflege: Handschuhe ausziehen, Hände desinfizieren und neue Handschuhe überstreifen. Erst dann dürfen weitere empfindliche Körperstellen, wie etwa Wunden versorgt werden.

Zieht der Pflegende die Handschuhe endgültig aus, sollte er abschließend noch einmal seine Haut desinfizieren, rät Tabori: "Denn die Handschuhe bieten keinen absolut zuverlässigen Schutz. Je nach Material und Qualität können über 20 Prozent von ihnen undicht sein, ohne das man es sieht". Durch kleine Löcher könnten Krankheitserreger unbemerkt auf die Hand gelangen und damit verbreitet werden.

Wenn der Pflegende selbst erkrankt

Noch mehr Schutz ist erforderlich, wenn der Pflegende an einer Infektion leidet. Wer erkältet ist, sollte die Versorgung eines alten oder kranken Menschen anderen überlassen. Ist dies nicht möglich, sollte er einen Mundschutz tragen. Außerdem sollte jeder, der pflegt, grundsätzlich gegen Grippe geimpft sein, sagt der Exprete. Denn die Influenza kann für ältere Menschen mit geschwächten Abwehrkräften zu einer ernsten Bedrohung werden.

"Überhaupt nicht pflegen darf, wer an einer Norovirus-Infektion leidet", sagt Tabori. Die vor allem im Winter grassierenden heftigen Brech-Durchfälle sind für junge Menschen sehr unangenehm, aber meist schnell wieder vorbei. "Für alte oder kranke Menschen dagegen können sie den Tod bedeuten", warnt Tabori. Da sich die Noro-Viren extrem leicht verbreiten, sollten Erkrankte frühesten 48 Stunden nach Abklingen der Symptome wieder Kontakt zu Pflegebedürftigen haben.

© Süddeutsche.de/beu/kco

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