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HIV:In den Gefängnissen entwickelt sich ein "perfekter Sturm", warnen Forscher

"Die russische Föderation verfolgt einen sehr eigenen Ansatz gegenüber HIV", sagt Chris Beyrer, Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft IAS. Dieser Ansatz sei "nicht evidenzbasiert", sagt Beyrer, es gebe sogar Beweise dafür, dass er die Grundlagen eines öffentlichen Gesundheitswesens untergräbt. Das harsche Vorgehen gegen Methadonprogramme etwa habe die Epidemie verschlimmert. Man habe es mittlerweile mit einer "zusammenhängenden Epidemie aus Drogenkonsum, HIV, Tuberkulose und Hepatitis" zu tun, sagt Kazatchkine von der UN. Fachleute bezeichnen diese Kombination verschiedener Übel bereits als "Syndemie": Viele Betroffene haben mehrere dieser Krankheiten gleichzeitig, und ein Leiden begünstigt die Verbreitung der anderen.

Sichtbar wird das etwa in den Gefängnissen: 450 von 100 000 Russen sitzen in Haft, unter ihnen überproportional viele Suchtkranke. Im Fachmagazin The Lancet warnten Epidemiologen der Universität Yale kürzlich vor einem "perfekten Sturm", der sich in osteuropäischen und zentralasiatischen Knästen zusammenbraue. Multiresistente Tuberkulose-Erreger, gegen die viele Antibiotika nicht mehr helfen, seien unter den Insassen verbreitet. Die HIV-Rate sei in den Gefängnissen im Vergleich zur Bevölkerung teilweise um mehr als das 20-Fache erhöht, so die Yale-Forscher. Jeder zweite Insasse sei drogenabhängig.

In den Gefängnissen leiden viele Häftlinge an mehreren Krankheiten gleichzeitig

Ein ehemaliger russischer Gefangener aus der Stadt Gattschina bei Sankt Petersburg berichtete den Wissenschaftlern vom Leben in einer Strafkolonie für Tuberkulose-Infizierte: "Ich überlebte den schrecklichsten Ort, an dem ich je war. Wir waren 36 Männer in einer Kammer mit zwölf Betten. Wir standen, husteten aufeinander, während andere in Schichten schliefen." Jeder mit Tuberkulose schien zudem auch HIV zu haben, berichtete der Sträfling. "Viele von uns bezahlten mit ihrem Leben. Manche Typen erwischten eine Überdosis, andere infizierten sich mit HIV so wie ich, und die Tuberkulose erledigte den Rest von uns." Noch schlimmer als die Wärter seien die Ärzte gewesen: "Sie schickten uns einfach in unsere Schlafkammern zum Sterben zurück."

Mittlerweile gebe es Anzeichen, dass die Epidemie sich auf andere Bevölkerungsteile ausweite, sagt Pokrovsky, beispielsweise über Partnerinnen von Drogenkonsumenten. Etwa 80 bis 100 Frauen infizierten sich jeden Tag neu. Diese "Verallgemeinerung" führe nun zumindest zu einer höheren Aufmerksamkeit für die Epidemie. "Der Gesundheitsminister hat um mehr Geld für die Behandlung von HIV-Infizierten gebeten", sagt Pokrovsky. Es werde aber Jahre dauern, bis sich die Situation verbessert. Vorausgesetzt, das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen verschlechtert sich nicht weiter.

"Die politische Situation ist nicht hilfreich", sagt Michel Kazatchkine. Das abgekühlte Verhältnis zum Westen habe aus Russland ein nach innen blickendes Land gemacht, das Lösungsvorschläge von außen ablehne. Allerdings unternehme auch der Westen kaum Anstrengungen, um das Leid zu lindern oder mehr Expertise ins Land zu bringen. Chris Beyrer von der IAS sagt: "Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass Angela Merkel dieses Thema gegenüber Wladimir Putin anspricht." Alleine scheinen die Gesundheitsexperten nicht mehr weiterzukommen. Kürzlich lud die IAS zu einer Sonderkonferenz ins ukrainische Odessa, um über die Eskalation in der Region zu sprechen. Russland schickte keinen Vertreter.

© SZ vom 28.09.2016/fehu
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