HIV„Die Rate der Neuinfektionen bleibt alarmierend hoch“

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HIV-Schnelltests ähneln den in der Pandemie allgegenwärtigen Coronavirus-Tests.
HIV-Schnelltests ähneln den in der Pandemie allgegenwärtigen Coronavirus-Tests. (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Die Weltgemeinschaft will, dass sich deutlich weniger Menschen mit dem HI-Virus anstecken. Doch in mindestens 28 Ländern steigen die Zahlen wieder an. Das hat auch politische Gründe.

Von Berit Uhlmann

Noch immer ist der Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids eine Erfolgsgeschichte. Immer weniger Menschen stecken sich mit dem HI-Virus an, immer weniger Infizierten bringt der Erreger den Tod. Das lässt sich auch an der durchschnittlichen Lebenserwartung ablesen: Im südlichen Afrika stieg sie zwischen 2010 und 2023 von 56 auf 61 Jahre, wie aus dem jüngsten Bericht der zuständigen UN-Organisation Unaids hervorgeht, der am Montag veröffentlicht wurde.

Doch gemessen an dem, was eigentlich möglich wäre und von der Weltgemeinschaft als Ziel ausgegeben wurde, ist die Lage eher kritisch. Bis 2030 sollen sich den Zielen zufolge weltweit 90 Prozent weniger Menschen infizieren und 90 Prozent weniger sterben als 2010. Tatsächlich belief sich der Rückgang an Neuansteckungen im vergangenen Jahr auf nur knapp 40 Prozent, das Minus der Todesfälle auf etwa 50 Prozent. Mit diesen Zahlen ist die Welt nicht auf Kurs.

Und nicht nur das: Es gibt Weltregionen, in denen die Zahlen der Neuinfektionen heute höher liegen als im Vergleichsjahr 2010. Im Nahen Osten und Nordafrika haben sie sich zwischenzeitlich verdoppelt. In Lateinamerika stiegen sie um neun Prozent, in Osteuropa und Zentralasien legten sie um 20 Prozent zu. Mehr als 90 Prozent der Fälle in dieser Region stammen aus vier Ländern: Kasachstan, Russland, der Ukraine und Usbekistan. Insgesamt steigen die Zahlen aktuell in mindestens 28 Ländern, heißt es in dem Bericht.

„Die Rate der Neuinfektionen bleibt alarmierend hoch“, kommentiert Peter Sands, Direktor des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose, die Zahlen. Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass erstmals die Neuansteckungen außerhalb des südlichen Afrikas höher sind als in der ursprünglich ganz besonders betroffenen Region.

Der politische Wille, den Kampf gegen Aids zu gewinnen, schwindet

Aussichtsreicher wirken dagegen die Zwischenziele der Weltgemeinschaft, die auf die griffige Formel 95-95-95 gebracht wurden. Bis 2025 sollen demnach 95 Prozent aller Infizierten diagnostiziert sein, 95 Prozent von ihnen eine Behandlung erhalten, die wiederum in 95 Prozent der Fälle so gut wirken soll, dass das Virus nicht mehr nachweisbar ist. Im Jahr 2023 lauteten die weltweiten Werte 86-89-93, was Unaids zu der Aussage verleitete, dass sie bis zum kommenden Jahr noch erreichbar seien. In Deutschland lautet die aktuelle Bilanz dem Robert-Koch-Institut zufolge: 92-99-96. Experten äußerten sich zuletzt skeptisch, dass das erste 95er-Ziel hierzulande noch erreicht werden kann.

Insgesamt lebten 2023 weltweit fast 40 Millionen Menschen mit dem Virus. 1,3 Millionen infizierten sich, und 630 000 starben an den Folgen.

„Wir wissen, was den Erfolg behindert“, schrieb Unaids-Direktorin Winnie Byanyima in dem Bericht und nennt in erster Linie den Fakt, dass die Solidarität zwischen und innerhalb der Länder bröckelt. Der politische Wille zur weiteren Finanzierung der HIV-Programme schwindet. Mittlerweile tut sich eine substanzielle Finanzierungslücke auf. 2023 standen für HIV-Programme in ärmeren Ländern knapp 20 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, fast 9,5 Milliarden weniger als bis zum Jahr 2025 benötigt werden. Rechnet man die Inflation mit ein, sind die Mittel derzeit auf dem niedrigsten Stand seit über einem Jahrzehnt.

Hans Kluge, Direktor der WHO-Region Europa, ergänzt in einer Stellungnahme: „Die traurige Wahrheit ist, dass das größte und am schwersten zu überwindende Hindernis für die Beendigung von Aids nicht medizinischer Natur ist.“ Es seien die anhaltende Stigmatisierung und Diskriminierung der Betroffenen, die Präventionsbemühungen zum Scheitern bringen und die Menschen davon abhalten, eine Diagnose zu erhalten und sich behandeln zu lassen.

Möglichkeiten, diese Bedingungen zu verbessern, stehen auch im Mittelpunkt der am Montag beginnenden Welt-Aids-Konferenz in München. Bis zu 15 000 Teilnehmer werden auf dem Treffen erwartet.

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