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Hirntod-Diagnostik:Nicht alle Ärzte sind so kompetent, aber auch kritisch und zweifelnd, wie es nötig wäre

Doch wie oft kennen die Ärzte auf der Intensivstation tatsächlich die Vorgeschichte des Patienten? Wie oft sind sie ausreichend skeptisch, wenn ein Patient nach einem Verkehrsunfall eingeliefert wird? Der Unfall kann Folge einer Medikamentenüberdosis sein.

Mehr noch: Ein Patient, der tatsächlich einen Schlaganfall hat, kann zugleich eine Medikamentenintoxikation aufweisen, die aber durch die eher ins Auge fallenden Symptome des Schlaganfalls kaschiert wird. Erschwerend kommt schließlich hinzu, dass intensivpflichtige Patienten mit begleitenden Herz-Kreislaufproblemen oft Leber- und Nierenfunktionsstörungen haben. Medikamente, die einen Hirntod imitieren, werden dann sehr viel langsamer abgebaut und ausgeschwemmt und wirken dadurch länger als üblich.

All diese Schwierigkeiten können von einem sehr erfahrenen Arzt, der die Tücken der Hirntod-Diagnostik realistisch einschätzt, beherrscht werden. Aber wie oft wird die Untersuchung von einem solchen idealen, kritischen Diagnostiker durchgeführt? Wo bleiben die systematischen Kontrollen der Qualität der Diagnostik, die man bei einer Untersuchung mit so schwerwiegenden Folgen selbstverständlich erwarten darf?

In der Öffentlichkeit haben sich Vertreter der Ärzteschaft immer wieder in beruhigenden, ja einlullenden Worten zur Sicherheit der Hirntod-Diagnostik geäußert. Die Botschaft, die nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch beim durchschnittlichen Arzt ankommt, ist: keine Sorge, den Hirntod festzustellen ist in etwa so einfach und sicher wie die Diagnose eines Herzinfarkts. Wie viele Intensivmediziner werden systematisch auf die Probleme der Diagnostik in der Praxis vorbereitet?

Aber schlimmer noch: Diese Haltung führt dazu, dass systematische Forschung zur Falsifizierung der Hirntod-Diagnostik nicht ausreichend ernst genommen wird. Der Versuch einer Falsifizierung ist eigentlich das wissenschaftlich angemessene Verfahren für eine so folgenträchtige Diagnostik. Wissenschaftler müssten systematisch untersuchen, ob die These, der Untergang sämtlicher Gehirnzellen lasse sich sicher diagnostizieren, nicht widerlegt werden kann.

Studien wie die von Welschehold et al., die 2012 im Deutschen Ärzteblatt erschienen, problematisieren wichtige Aspekte der Hirntod-Diagnostik, ihre Konsequenzen werden aber nicht offen diskutiert. Welschehold und seine Arbeitsgruppe verglichen die Kontrastdarstellung der Hirngefäße (CT-Angiografie) mit anderen Techniken wie dem EEG oder der Ultraschall-Doppler-Untersuchung und stellten fest, dass sich in 14 Prozent der Fälle voneinander abweichende Befunde ergaben.

Andersherum: Wenn die CT-Angiografie nicht durchgeführt wird, dann könnte in bis zu 14 Prozent der Fälle eine noch vorhandene Restdurchblutung des Gehirns übersehen werden. Doch bis heute müssen Untersucher nicht begründen, warum sie die Diagnostik für unnötig halten.

Was sind die praktischen Folgen dieses Wegschauens? Um einen Therapieabbruch in Betracht zu ziehen, bedarf es keines sicheren Nachweises des Untergangs jeder einzelnen Hirnzelle. Das lässt sich auch dann schon rechtfertigen, wenn die Schädigungen des Gehirns weitreichend sind, ein Überleben mit ausreichender Lebensqualität nicht möglich ist und deshalb vom Patienten nicht gewünscht wird. Aber eine Organentnahme in einer solchen Situation hat für den Patienten gravierende Konsequenzen. Wie sicher können die operierenden Ärzte sein, dass dieser Patient keinerlei Empfindungen mehr verspürt?

Vertreter des Hirntod-Konzepts haben immer wieder betont, eine Schmerzausschaltung bei der Organentnahme sei nicht nötig. Angesichts der Probleme bei der Hirntod-Feststellung muss das beunruhigen. Angemessener wäre es, sich der Tatsache zu stellen, dass der Hirntod nur näherungsweise festgestellt werden kann, dass dies großer, selbstkritischer Expertise bedarf und dass in jedem Fall die Organentnahme unter maximalem Schutz des Patienten durchgeführt werden muss. Letztlich ist nur eine Frage wichtig: Wie sichert man das ärztliche Gebot des Primum nil nocere, der Vermeidung von Schaden?

© SZ vom 05.06.2015

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