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Hilfe bei Schwachsichtigkeit:Tetris-Therapie

Wie bringt man schwachsichtige Patienten dazu, auch ihr faules Auge zu gebrauchen? Meist erzwingen Ärzte die Nutzung, indem sie Pflaster auf das starke Auge kleben. Kanadische Mediziner erprobten nun eine angenehmere Behandlung: Sie ließen Betroffene Tetris spielen.

Kanadische Augenärzte haben eine ungewöhnliche Therapie entwickelt. Sie machen die faulen Augen ihrer Patienten aktiver, indem sie diese mit einer Spezialbrille Tetris spielen lassen (Current Biology, online). In einer Pilotstudie haben die Mediziner von der McGill University neun ihrer erwachsenen Patienten mit der auch Amblyopie genannten Schwachsichtigkeit, bei der sich ein Auge weniger am Sehen beteiligt als das andere, zwei Wochen lang eine Stunde täglich vor das Computerspiel Tetris gesetzt.

Die Spezialbrille erlaubte es dem einen Auge, nur die fallenden Bauklötze zu betrachten, während das andere ausschließlich die Klötze sehen konnte, die sich am Boden ansammelten. Dafür wurde auf die gängige Pflasterbehandlung verzichtet; denn üblicherweise wird Patienten mit Amblyopie das starke Auge monatelang abgeklebt, damit sie gezwungen sind, das faule Auge stärker zu nutzen. Gerade bei Erwachsenen aber nützt diese Behandlung gemeinhin wenig bis gar nichts.

Das Tetris-Spielen sei nicht nur angenehmer, sagt der leitende Wissenschaftler Robert Hess. "Es geht auch schneller und scheint besser zu funktionieren." Wenn beide Augen sich gemeinsam darauf konzentrieren, wie sich die herunterfallenden Bauklötze im Tetris-Spiel am besten in den Haufen am Boden einfügen lassen, dann bringe das die Augen dazu, besser zusammenzuarbeiten. Das belegte auch ein Test mit einer Vergleichsgruppe aus neun Personen, die zunächst mit einem zugeklebten Auge Tetris spielten. Bei diesen Probanden besserte sich das Sehvermögen nicht. Es besserte sich erst, als sie schließlich auch ohne Pflaster und mit Spezialbrille Tetris spielen durften.

Die Amblyopie betrifft etwa jedes 50. Kind und wird oft von Schielen begleitet. Unbehandelt kann sie dazu führen, dass das schwache Augen immer mehr an Sehkraft verliert. Die Krankheit sei aber offensichtlich nicht nur das Problem des einen Auges, sondern das Problem beider Augen, betont Hess. Deshalb könnten die Pflaster sogar kontraproduktiv sein. Beide Augen zur Zusammenarbeit zu zwingen, erhöhe die Plastizität im Gehirn, die das faule Augen zum Lernen befähige.

© SZ vom 24.04.2013/bern/beu
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