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Hebammen:Geburten mit unbeschränkter Haftung

Hebammen-Ausbildung, 1927

Genügend Hebammen sind wichtig für eine gute Geburt - Anwärterinnen üben sich 1927 in der Frauenklinik in Neukölln im richtigen Umgang mit dem Neugeborenen.

(Foto: SZ-Photo/Scherl)

Ein Zuschlag sollte von Juli an die hohen Versicherungskosten für Hebammen abfedern. Nun gibt es doch kein Geld, und weitere Hebammen ziehen sich aus der Geburtshilfe zurück.

Vor der Geburt ihres zweiten Kindes war für Sophie Hölle, 28, die Sache ziemlich klar. Diesmal sollte das Baby keinesfalls im Kreißsaal einer Klinik zur Welt kommen, sondern zu Hause, in gewohnter Umgebung. Paul, ihr erstes Kind, wurde vor gut drei Jahren in einem Münchner Krankenhaus geboren. "Diese Erfahrung brauchte ich nicht noch mal", sagt Hölle. Hektisch sei es damals zugegangen, die Ärzte hätten sich kaum Zeit für sie genommen. Am Ende, erinnert sich die junge Mutter, habe man ihr so viele Medikamente gegeben, dass sie von der eigentlichen Geburt kaum noch etwas mitbekommen habe. "Das hatte nichts Natürliches mehr." Als sie mit ihrer Tochter Frida schwanger war, wollte sie darum eine Hausgeburt, betreut von einer Hebamme.

Sollte sich Sophie Hölle einmal für ein drittes Kind entscheiden, kann es jedoch sein, dass es für sie gar keine andere Möglichkeit mehr gibt als das Krankenhaus. Seit Jahren sinkt die Zahl der Hebammen, die Hausgeburten betreuen. Viele Freiberuflerinnen beschränken sich inzwischen auf Vorbereitungskurse und die Nachsorge, für die eigentliche Geburt wollen sie die Verantwortung nicht länger tragen.

Die Entwicklung ist zum einen Ausdruck eines kulturellen Wandels, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eingesetzt hat. Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen ist gestiegen, immer mehr geben daher der Geburt im Krankenhaus den Vorzug. Inzwischen kommen 99 von 100 Kindern, die pro Jahr in Deutschland geboren werden, im Kreißsaal zur Welt. Die sinkende Nachfrage hat die gesellschaftliche Stellung der Hebamme nicht gerade verbessert. "Die Zeiten sind nicht leicht", sagt Susanna Roth, 57. Die Münchnerin hat vor wenigen Wochen Frida auf die Welt gebracht und arbeitet seit mehr als 30 Jahren in ihrem Beruf. "Wir spüren im Moment den gesellschaftlichen Rückhalt nicht", sagt sie. Den gebe es eben nur von den Frauen, die sie begleiteten. Dass sie Müttern den Wunsch einer Hausgeburt erfüllt, sofern dem keine Risiken entgegenstehen, ist für sie selbstverständlich.

Die Versicherungsbeiträge sollen auf mehr als 6000 Euro im Jahr steigen

Doch auch Susanna Roth hat zu kämpfen, obwohl sie mit etwa 30 Geburten pro Jahr eine vergleichsweise gut ausgelastete Hebamme ist. Insbesondere setzt die Entwicklung der Prämien für Haftpflichtversicherungen viele Geburtshelferinnen unter Druck. Für Freiberufler ist der Abschluss einer solchen Versicherung obligatorisch. Nach Angaben des Deutschen Hebammenverbands (DHV) lagen die Beiträge im Jahr 2003 noch bei knapp 500 Euro jährlich, zuletzt betrugen sie im Mittel 5091 Euro. An diesem Mittwoch steigen die Prämien nun erneut um bis zu 23 Prozent auf durchschnittlich 6274 Euro.

Experten führen diese Entwicklung vor allem darauf zurück, dass Gerichte den Familien im Schadensfall deutlich mehr Geld zusprechen als früher. Kommt ein Kind aufgrund eines Fehlers der Hebamme behindert zur Welt, muss die Versicherung üblicherweise neben den Behandlungskosten auch den lebenslangen Verdienstausfall zahlen. Hinweise darauf, dass Hebammen mehr Fehler machen als früher, gibt es indes nicht.

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