Haut und Psyche:Spiegel des Ich

Themendienst Gesundheit: Mit Aromamassagen Haut und Geruchssinn verwoehnen

Viel mehr als nur ein Organ: Die Haut offenbart Gefühle wie Scham, Angst und Aufregung

(Foto: ddp)

Die Haut gilt als sichtbarer Ausweis von Identität und Befinden. Krankheiten wie Neurodermitis, Schuppenflechte und Lippenherpes haben psychische Auslöser. Dennoch: Kranke Haut heißt nicht zwangsläufig kranke Seele.

Werner Bartens

Sie gilt als offensichtlichster Ausweis des Befindens. Sie zeigt außen an, was drinnen vorgeht. Sie ist Verpackung des Körpers, eine Hülle, aber sie enthüllt angeblich auch, was unter der Oberfläche passiert. Die Haut wird als Spiegel der Seele wahrgenommen, und nach dieser Lesart ist es kein Wunder, dass die Menschen immer mehr Gewese um ihre Haut machen. Der Umsatz mit Kosmetika in Europa ist von 16,4 Milliarden Mark im Jahr 1997 auf mehr als 40 Milliarden Euro im Jahr 2010 gestiegen.

Der Haut wird allerhand zugemutet. Sie wird gefärbt, geschält, geliftet, geknetet, zerstochen, bemalt, tätowiert, gepierct, gecremt und geschminkt, um nur die gängigsten Verrichtungen zu nennen. Kein Zweifel, die mal geschundene, mal geschönte Grenzfläche zwischen innen und außen soll zeigen, wie die Menschen wirklich sind und besonders: wie sie gerne sein wollen.

Der Haut wird eine eigenartige Doppelfunktion zugeschrieben, wie sie keinem anderen Organ zukommt. Sie hat schützende und verbergende Eigenschaften und kann täuschende Fassade sein, unter der sich der authentische Kern des Menschen versteckt. "Fettmassen, Skelette; eingenäht in einen gefühlsundurchlässigen Ledersack von Haut" - so beschrieb Robert Musil die emotionale Einsamkeit des Menschen.

Die Gefühlswelt sah schon Georg Büchner in seinem Drama "Dantons Tod" 1835 durch den Panzer der Haut abgeschirmt: "Was weiß ich? Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander, wir sind sehr einsam."

Nur das, was unter die Haut geht, hat Tiefe und berührt daher tatsächlich. In Grimms Deutschem Wörterbuch aus dem Jahr 1877 wird eine Person noch als verwegene, als böse, feige, schäbige oder aber lustige, brave und gutmütige Haut charakterisiert. Von diesen vielseitigen Wendungen zur Wesensbeschreibung eines Menschen ist heute nur noch die "ehrliche Haut" gebräuchlich.

Lessing beschwert sich in einem Brief darüber, dass ihm ein Zeitgenosse "auf die Haut geht" - heute würde sich ein empfindsamer Mensch stattdessen beklagen, dass ihm jemand "auf den Geist" oder "auf die Nerven" geht.

Indikator des Psychischen

Die Haut gilt heute sprachlich kaum noch als Sinnbild für den Leib einer Person, für ihr Ganzes, wie es Goethe im Faust die Jugend "an eigner Haut erfahren" lässt. Vielmehr ist die Haut der Indikator des Psychischen und zeigt, wenn es einer Person nicht gut geht. Wenn die Haut juckt, Falten wirft oder wenn Ekzeme aufblühen, wird schnell auf ein aus der Balance geratenes Seelenleben geschlossen. Jeder Pickel wird zum Symbol für Probleme - und die Haut daher zur Arbeitsfläche am eigenen Ich, das geglättet, gebotoxt und poliert werden will.

Dass Leiden der Haut zunehmen, weil psychische Belastungen zunehmen und der Schönheitskult um sich greift, ist wahrscheinlich, aber schwer zu belegen", sagt Uwe Gieler, Psychosomatiker mit Forschungsschwerpunkt Hauterkrankungen an der Uniklinik Gießen. Die Haut ist mit bis zu zehn Kilogramm Gewicht und zwei Quadratmetern Oberfläche nicht nur das größte Organ des Menschen, sondern vor allem ein wichtiges Kommunikationsmittel.

Blass galt früher als vornehm und zeigte an, dass man nicht ungeschützt in der Sonne arbeiten musste. Heute ist blass gleichbedeutend mit langweilig oder kränkelnd. Gebräunte Haut steht trotz aller Warnungen vor Hautkrebs für Vitalität und zeigt an, dass man wenig arbeiten muss (oder so viel verdient), dass man sich viel Zeit in der Sonne leisten kann. "Wer du bist, wird über die Haut ausgedrückt", sagt der Hamburger Dermatologe Kristian Reich. Deshalb kommen immer mehr Menschen mit Verschönerungswünschen zu Hautärzten und Kosmetikern. Die Haut ist zum Statussymbol geworden.

Tatsächlich ist kaum ein Organ so empfindlich für Einflüsse von außen wie von innen. Mehr als eine Million Tastorgane befinden sich in der Haut, außerdem mindestens so viele freie Nervenenden, die Reize registrieren und weiterleiten. Die Haut ist eine riesige Antenne. Viele Gefühle werden über die Haut offenbart: zum Beispiel beim Erröten oder Erblassen. Zudem funktionieren beim Menschen die evolutionär angelegten Muskeln noch, die bewirken, dass sich Haare sträuben. Dass seelische Probleme die Haut angreifen können, verwundert angesichts der sensiblen Ausstattung nicht.

"Kranke Haut ist aber nicht gleichbedeutend mit einer kranken Seele", sagt Gerhard Schmidt-Ott, Psychosomatiker an der Medizinischen Hochschule Hannover und Experte für Hautleiden. Dass Menschen vom Äußeren aufs Innerste schließen, stigmatisiere Betroffene noch stärker. Hautkrankheiten würden ohnehin als schmutzig und ansteckend wahrgenommen. Die deutsche Badeordnung, wonach Patienten mit Schuppenflechte aus dem Schwimmbad verwiesen werden konnten, wurde erst 2006 auf Initiative des Psoriasis-Bundes geändert.

Bittere Pointe der Dermatologie

Schmidt-Otts Team hat gezeigt, dass Hautleiden bei manchen Menschen durch Stress tatsächlich schlimmer werden - aber eben nicht bei allen. Bei Menschen mit Schuppenflechte sind Entzündungsmoleküle und Abwehrzellen im Blut erhöht, wenn die Patienten belastenden Situationen ausgesetzt werden. "Hauterkrankungen lassen sich provozieren", sagt Matthias Augustin. Der Dermatologe erforscht an der Universitätsklinik Hamburg die Lebensqualität von Patienten mit Hauterkrankungen.

In verschiedenen Versuchen setzten Forscher Patienten mit Neurodermitis wie mit Schuppenflechte unter Stress. Die Neurodermitiker reagierten sofort. Schon zehn Minuten nach der psychischen Belastung waren vermehrt Entzündungszellen in ihrem Blut aktiviert - sie können Blutgefäße angreifen und Organe schwächen. Wer an Neurodermitis oder Schuppenflechte leidet, ist zwar nicht dünnhäutiger. Doch auf der Haut dieser Patienten werden innere Anspannungen, Sorgen und Ängste offensichtlicher.

In anderen Versuchen wurden Menschen untersucht, die anfällig für Lippenherpes waren. Der Hälfte der Probanden wurden Fotos gezeigt, die Ekel auslösten, etwa benutzte Gläser und Teller mit Essensresten. Die andere Hälfte der Probanden sah Bilder von Blumenwiesen. Wenig später lasen die Forscher den Teilnehmern von den Lippen ab: Bei 40 Prozent derjenigen, die eklige Bilder ansehen mussten, blühten Herpesbläschen auf, zudem waren Entzündungswerte in ihrem Blut erhöht. In der Gruppe, die angenehme Bilder zu sehen bekam, war nicht eine Unebenheit auf der Lippe zu erkennen.

Cremehersteller, Hautärzte und kosmetische Institute befördern den Trend, den sie einzudämmen vorgeben. Einerseits wird Patienten wie Kunden geholfen, wenn die Haut juckt, schuppt oder Pusteln aufwirft. Gleichzeitig befeuern sie das Streben nach der stets perfekten Haut, auch wenn die angebotenen Rezepte oft gar nicht wirken können.

Das führt zu einer bitteren Pointe in der Dermatologie: Wer seine Haut besonders intensiv pflegt, überstrapaziert sie. Jeder Hautarzt kennt Patienten, die morgens, mittags und abends Gesicht, Hals und Dekolleté mit einer teuren Pflegeserie eincremen, Körperlotion benutzen und an eben jenen Stellen immer mehr Pickel und Ausschlag bekommen. Als Periorale Dermatitis bezeichnen Ärzte, was in der Umgangssprache "Stewardessenkrankheit" genannt wird. Sie entsteht besonders bei Frauen, die mehrmals täglich duschen und die Haut anschließend mit zu fetthaltigen Kosmetika abdecken.

"Die Menschen machen viel zu viel mit ihrer Haut", sagt der Hamburger Dermatologe Volker Steinkraus. "Weniger ist mehr, denn die besten Kosmetika produziert die Haut selbst." Zur großen Verwunderung ihrer Patienten empfehlen Ärzte dann, Kosmetik und Pflege einzuschränken und die Haut weniger zu malträtieren. Wer übertrieben reinlich ist, dessen Haut schuppt sich leichter, ist eher gerötet und infiziert sich schneller mit Pilzen und Bakterien. Kontaktekzeme gedeihen besonders in Achselhöhlen, die regelmäßig rasiert und täglich mit Duschlotionen, Cremes und Deos traktiert werden. "Die Haut muss nach Bedarf gepflegt werden", sagt Steinkraus. Gar nicht leicht, sich selbst zu beschränken, wo sich doch der Charakter, die Seele gar, in der verletzlichen Oberfläche spiegeln soll.

© SZ vom 03.09.2011/beu/edi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB