Wie werden Hantaviren übertragen?
Hantaviren werden hauptsächlich von Nagetieren übertragen, in hiesigen Breiten besonders von der Rötelmaus und der Brandmaus. Diese findet sich bevorzugt in Wäldern, Gebüschen und waldnahen Hecken. Andere Nagetiere, besonders Mäuse und Ratten, die das Hantavirus übertragen, sind jedoch fast überall auf der Welt verbreitet. In Argentinien, wo das Kreuzfahrtschiff gestartet ist, verbreitet unter anderem die Langschwanz-Zwergreisratte das Virus.
Es sind drei Szenarien möglich, wie sich der Mensch anstecken kann: Erstens durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren, zweitens auch indirekt durch den Speichel, Kot oder Urin der Nager, beispielsweise in aufgewirbeltem Staub oder durch Lebensmittel, die mit den Ausscheidungen infizierter Tiere kontaminiert sind. In seltenen Fällen kann es, drittens, auch zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch kommen. Dies ist bisher nur bei der in Südamerika endemischen Andes-Variante beschrieben worden. „Die Übertragung des Virus durch Inhalation von einem infizierten Patienten erfordert allerdings sehr engen Kontakt, etwa als Sexualpartner, durch Küsse oder indem man mit fiebrigen Kranken im selben Raum schläft“, sagt Virusexpertin Giulia Gallo vom englischen Pirbright Institute dem Science Media Center (SMC).
Welche Untertypen von Viren gibt es?
In Mitteleuropa ist das Hantavirus mit dem Serotyp Puumala am weitesten verbreitet; diese Variante gilt als Alte-Welt-Hantavirus und kommt vermehrt in Süddeutschland vor. Die Inkubationszeit beträgt eine bis acht Wochen. Eine Infektion verläuft häufig asymptomatisch und nur selten kommt es zu schweren Erkrankungen. Bei schwerem Verlauf sind am ehesten die Niere und das Gerinnungssystem betroffen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch mit der europäischen Variante ist bisher noch nicht beschrieben worden.
Der Andes-Serotyp, der in Südamerika vorherrscht (und damit auch in Argentinien, wo das Schiff gestartet ist), gehört zu den Neue-Welt-Hantaviren und gilt als gefährlicher. Hierbei sind gelegentlich Mensch-zu-Mensch-Übertragungen beschrieben worden, allerdings nicht bei gelegentlichem, sondern nur bei engem Kontakt. Kommt es zu schweren Verläufen, ist hauptsächlich die Lunge betroffen.
Die Sterblichkeit liegt bei Erkrankungen durch Puumala-Infektionen weit unter 0,1 Prozent. Bei der Variante Dobrava, die auf dem Balkan etwas stärker verbreitet ist, liegt sie bei zehn bis 15 Prozent. Außerhalb Deutschlands, bei der Andes-Variante, wird eine Letalität von 25 bis zu 50 Prozent genannt. Genaue Daten aber fehlen aufgrund der nicht immer lückenlosen Dokumentation sowie Unterschieden in der medizinischen Versorgung in verschiedenen Ländern.
Wie haben sich die Passagiere auf dem Kreuzfahrtschiff angesteckt?
Es gibt laut Weltgesundheitsorganisation WHO acht Fälle von Hantavirus-Infektionen auf dem Schiff Hondius, das von Argentinien nach Kap Verde unterwegs war, darunter drei Todesfälle. In drei Fällen ist die Infektion durch Laboruntersuchungen bestätigt, bei den anderen handelt es sich bisher noch um Verdachtsfälle. Die Laboruntersuchungen laufen und werden weitere Klarheit bringen.
Die WHO teilte mit, dass der identifizierte Erreger der Andes-Stamm des Hantavirus ist. Wie genau sich die betroffenen Passagiere infiziert haben, ist dennoch unklar. Es könnten sich eine oder mehrere Personen bereits in Argentinien oder im südamerikanischen Expositionsgebiet infiziert und das Virus an Bord gebracht haben, sagt Jonas Schmidt-Chanasit, Virenexperte am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, dem SMC. „Damit wird die Hypothese einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung auf dem Kreuzfahrtschiff plausibler. Sie ist dadurch aber noch nicht bewiesen.“
„Der Nachweis der Andes-Variante stützt die Hypothese, dass die ersten Fälle in Argentinien auftraten“, sagt auch Paul Hunter, Public Health-Experte an der University of East Anglia, dem SMC.
Eventuell treffen auch mehrere Ansteckungswege zu; einige Passagiere haben sich demnach angesteckt, bevor sie an Bord gegangen sind, andere eventuell bei Landgängen unterwegs oder durch kontaminierte Lebensmittel oder Ausscheidungen auf dem Schiff. Enger Kontakt auf dem Schiff mag dann im Einzelfall zu weiteren Ansteckungen geführt haben.
Ein ehemaliger Passagier der Hondius hat sich am Universitätsspital Zürich gemeldet. Bei ihm wurde ebenfalls das Virus nachgewiesen. Der Mann war mit seiner Ehefrau Ende April aus Südamerika zurückgekehrt. Die Ehefrau habe keine Symptome. Zwei weitere Passagiere sind inzwischen nach Großbritannien zurückgekehrt und werden dort beobachtet. Zudem ist eine Stewardess, die im direkten Kontakt zu einer mit dem Hantavirus infizierten Frau stand, mit Krankheitssymptomen in ein Krankenhaus in Amsterdam eingeliefert worden.
„Das ist aber kein Grund zur Beunruhigung“, sagt der Virologe Raymond Alvarez dem SMC. Passagiere, die an Land gegangen sind oder das Schiff vor Bekanntwerden der Infektionen verlassen haben, würden gegebenenfalls isoliert und ihre Kontakte dokumentiert und nachverfolgt, um weitere Erkenntnisse über den Infektionsweg zu erhalten. „Das ist angemessen und effektiv“, so Alvarez.
Wie groß ist die Ansteckungsgefahr in Deutschland und weltweit?
In Deutschland ist die Ansteckungsgefahr sehr gering. Jedes Jahr kommt es zu wenigen hundert, gelegentlich auch zu 1000 bis 2000 Infektionen, die aber meistens harmlos verlaufen. Eine Ausnahme war das Jahr 2012, als 2825 Infektionen mit dem Hantavirus in Deutschland gemeldet wurden. Laut Robert-Koch-Institut gab es in den vergangenen 25 Jahren hierzulande einen Todesfall.
Die Rötelmaus bevorzugt Buchen- und Mischwälder als Lebensraum. In Deutschland gelten deshalb besonders Unterfranken, die Schwäbische Alb und der Bayerische Wald als Virusgebiete. Tragen Buchen viele Bucheckern, steigt die Anzahl der Infektionen, weil sich die Populationen der Rötelmaus angesichts des Überangebots an Nahrung stark vermehren.
Laut der europäischen Seuchenschutzbehörde „European Centre for Disease Prevention and Control“ ist das Risiko für die Bevölkerung in Europa insgesamt „sehr gering“. Auch global ist die Gefahr weiterer Ansteckungen oder gar einer Pandemie mit den Infektionen auf dem Schiff nicht größer geworden. „Es gibt kein erhöhtes Risiko auf Reisen und auch nicht auf Kreuzfahrtschiffen“, sagt Infektionsexperte Scott Weaver von der University of Texas. „Das Virus verhält sich auch nicht so ansteckend wie andere respiratorische Viren. Zur Infektion mit Hantaviren kommt es meist in der Umwelt, aber in einem begrenzten Umfeld wie auf dem Schiff ist besonders darauf zu achten, dass es keine Reservoire für Mäuse gibt und die Hygiene eingehalten wird.“ Bei gemeinsam geteilten Kabinen oder Waschräumen mag hier eine Infektionsquelle liegen.
Welche Symptome sind typisch für eine Infektion mit dem Hantavirus?
Meistens verläuft eine Infektion ohne Beschwerden oder mit nur leichten, unspezifischen Symptomen, sodass die Erkrankung kaum bemerkt und gar nicht als Hantavirus-Infektion erkannt wird. Es kann aber auch in seltenen Fällen zu schweren Verläufen kommen.
Bei der europäischen Variante dominiert dann das Vollbild des hämorrhagischen Fiebers. Weil dabei oft die Gerinnung gestört ist, treten nach akutem Beginn mit Fieber, Schwindel und Schüttelfrost Blutungen an Haut und Schleimhäuten auf. Häufig ist dann die Niere beeinträchtigt, was in einigen Fällen zum Funktionsausfall des Organs führt, sodass eine Dialyse erforderlich ist.
Erfolgt eine Infektion mit der südamerikanischen Andes-Variante und die Infektion verläuft schwer, ist hingegen besonders die Lunge betroffen und es kann zu starker Atemnot kommen. Womöglich wird dann eine künstliche Beatmung und intensivmedizinische Behandlung notwendig. Eine kausale Therapie gegen eine Hantavirus-Infektion gibt es ebenso wenig wie eine Impfung.
Was kann man vorbeugend tun, um sich nicht mit dem Hantavirus anzustecken?
Insgesamt ist das Risiko einer Ansteckung trotz des aktuellen Ausbruchs äußerst gering. Da die Viren jedoch auch im getrockneten Zustand infektiös sein können, kann es in seltenen Fällen durch Staubfegen in Scheunen und Schuppen oder durch aufgewirbelten Dreck, etwa beim Gebrauch von Laubbläsern, zu einer Ansteckung über die Lunge kommen.
Um sich zu schützen, sollte man Lebensmittelvorräte sicher vor Nagetieren aufbewahren, was generell ein guter Rat ist. Wer Keller, Schuppen oder Garagen ausfegen möchte, sollte dies gegebenenfalls mit feuchten Lappen tun, um Staubentwicklung zu vermeiden. Zusätzlich schützen FFP2-Masken und Handschuhe.
In Süd-Chile, wo es in der Vergangenheit bereits gelegentlich zu Ausbrüchen des Hantavirus gekommen ist, empfehlen Ärzte die Selbstisolation für einige Wochen, wenn zuvor Kontakt mit Infizierten bestanden hat. „Liegen keine Symptome vor, wird damit das sowieso schon geringe Risiko einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung weiter gesenkt“, so Alvarez.
Woher kommt der Begriff Hantavirus?
Der Name Hantavirus leitet sich vom koreanischen Fluss Hantan ab. In den 1950er-Jahren erkrankten während des Koreakrieges mehr als 3000 Soldaten an einem schweren hämorrhagischen Fieber. Das Virus wurde zwar erst 1977 identifiziert und nach dem Fluss im heutigen Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea benannt; die Krankheit war jedoch schon zuvor beschrieben worden.
Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version des Textes war die Sterblichkeit der Andes-Variante falsch angegeben. Wir haben die Werte korrigiert.


