Öffentliche GesundheitEin Land will das Rauchen aussterben lassen

Lesezeit: 5 Min.

Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis in Großbritannien die letzte Zigarette ausgemacht wird. Doch das Land hat einen Plan.
Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis in Großbritannien die letzte Zigarette ausgemacht wird. Doch das Land hat einen Plan. Anna Ross/dpa
  • Großbritannien führt ab nächstem Jahr ein Gesetz ein, wonach alle ab 1. Januar volljährig werdenden nie wieder Zigaretten kaufen dürfen.
  • Das Verkaufsverbot soll das Rauchen im Land komplett abschaffen, indem die Gruppe der kaufberechtigten Raucher Jahr für Jahr schrumpft.
  • Zwei Drittel der Engländer unterstützen das Vorhaben, während Deutschland laut Experten weit von solchen Maßnahmen entfernt ist.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

In Großbritannien sollen alle, die künftig das Erwachsenenalter erreichen, keine Zigaretten mehr kaufen dürfen. Nie mehr. Die Zustimmung in der Bevölkerung ist groß. Kann das ein Vorbild für Deutschland sein?

Von Martin Wittmann, London, und Berit Uhlmann

Frühling liegt in der noch frischen Luft. Richard, 37, sitzt am späten Nachmittag vor einem Pub im Londoner Stadtteil Richmond und dreht sich eine Zigarette. Die Tabakmarke ist kaum zu erkennen, sie steht nur klein auf der Packung, die in gewollt unattraktivem Schlammgrün gehalten ist, so wie alle Tabakprodukte hier. Gut zu sehen hingegen ist das Foto einer kaputten Lunge. Richard ist der einzige Raucher unter den etwa ein Dutzend Gästen, die in der Sonne sitzen. Ob er nicht mal daran gedacht hat, es einfach sein zu lassen? Durchaus, sagt er in britischer Förmlichkeit, „aber ich ziehe es offenbar vor zu rauchen“. Er schafft es nicht aufzuhören.

Richard hat die Wahl, zumindest rechtlich gesehen. Er ist alt genug, um sich den Tabak, kaputte Lunge hin oder her, zu kaufen. Diese Wahl nun will die britische Regierung künftigen Generationen nicht mehr lassen. Das Land wird schon in Kürze eines der strengsten Anti-Rauch-Gesetze der Welt haben.

Es besagt, dass alle Briten, die erst von 1. Januar kommenden Jahres an das Erwachsenenalter erreichen, nie in ihrem Leben Zigaretten oder andere Tabakwaren kaufen dürfen. Keine schlammgrünen Packungen für die Jahrgänge 2009 und jünger. Wer jünger als 18 ist, darf die Produkte ohnehin nicht erstehen. Bereits erwachsene Einwohner haben weiter das Recht, Tabakprodukte zu erwerben. Doch Jahr für Jahr wird diese Gruppe schrumpfen, bis in einigen Jahrzehnten die letzten Raucher – und mit ihnen die Tabaksucht – gestorben sein werden. So sieht zumindest in der Theorie der Plan Großbritanniens aus, der in dieser Größenordnung einzigartig ist. Es muss nur noch der König zustimmen.

„Niemand möchte, dass die eigenen Kinder anfangen zu rauchen.“

Wie er sich in der Praxis bewährt, ist nicht abzuschätzen. Bisher haben nur die Malediven eine entsprechende Regelung eingeführt. Erfahrungen aus dem erst Ende vergangenen Jahres gestarteten Projekt fehlen noch.

Das britische Vorhaben geht noch auf die konservative Regierung von Rishi Sunak zurück. Sie begründete es 2023 in erster Linie damit, dass das Rauchen eine Sucht ist, vor der man junge Menschen bewahren müsse. „Drei Viertel der aktuellen Raucher hätten im Rückblick niemals damit angefangen“, zitierte das Gesundheitsministerium vorangegangene Studien. Wer einmal an der Zigarette hänge, brauche im Schnitt etwa 30 Versuche, um wieder davon loszukommen. Es sei daher sehr viel leichter zu verhindern, dass Menschen mit dem Rauchen anfangen, als sie später wieder mühselig zu entwöhnen. Siehe Richard. Man kann es auch so ausdrücken wie Katrin Schaller von der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum: „Niemand möchte, dass die eigenen Kinder anfangen zu rauchen. Großbritannien hat diesen Wunsch in ein Gesetz gefasst.“

Daniel Kotz, Suchtforscher am Universitätsklinikum Düsseldorf, nennt das Vorhaben zunächst einmal einen mutigen Schritt. Andere Länder wie Malaysia und Australien hatten in der Vergangenheit ähnliche Pläne, konnten sie aber nicht durchsetzen. Neuseeland hatte Ende 2022 ein entsprechendes Gesetz durchgebracht – um es etwa ein Jahr später wieder zu kassieren. Innenpolitische Querelen und wohl auch ein starker Einfluss der Tabaklobby hatten zu der Kehrtwende geführt.

Dennoch wurden die neuseeländischen Pläne zur Inspiration Großbritanniens. Katrin Schaller hält das nur für folgerichtig. Das Ziel einer rauchfreien Generation „spiegelt wider, wie weit fortgeschritten und wie konsequent die Tabakprävention in Großbritannien ist“, sagt die Wissenschaftlerin. Das Land geht schon seit Jahrzehnten entschlossen gegen das Rauchen vor.

Richard erinnert sich vor dem Pub noch an eine Zeit, in der er als Teenager drinnen, in der Gaststätte, rauchen durfte. Das ist längst vorbei. Damals waren die Verpackungen noch nicht so einheitlich abstoßend gestaltet. Und in Kiosken waren sie nicht, wie mittlerweile gesetzlich vorgegeben, hinter dem Tresen versteckt. Richard konnte seine Zigaretten auch noch aus Automaten ziehen. Vor allem aber waren sie billiger. Packungen mit zwanzig Stück kosten heute teilweise mehr als zwanzig Euro. Wer in Großbritannien einen Fremden nach einer Zigarette fragt, bietet dabei oft an, sie ihm abzukaufen. Die Ware ist fürs Schnorren zu wertvoll geworden. Richard kauft, wenn es ihm möglich ist, seinen Tabak im Ausland.

Was heute auch anders ist in Großbritannien: Die Raucherquote liegt nur noch bei etwa zehn Prozent – ungefähr halb so hoch wie in Deutschland. „Großbritannien hat ein Umfeld geschaffen, in dem das Nichtrauchen normal ist“, sagt Katrin Schaller. Entsprechend groß ist die Zustimmung, auch noch den letzten Schritt zu gehen – und den Verkauf von Tabakprodukten zu verbieten. Zwei Drittel der Engländer finden dies einer aktuellen Umfrage zufolge richtig. Richard übrigens auch.

Die gesellschaftliche Stimmung – also dass Nichtrauchen für die große Mehrheit längst zum Normalzustand geworden ist – halten Wissenschaftler auch den Protesten und Warnungen der Tabakindustrie entgegen. In Großbritannien kennt man das Playbook der Branche sehr gut. Es war für Public-Health-Forscher nicht schwer, von Anfang an vorherzusagen, welche Geschütze die Hersteller auffahren würden – und wie sie zu kontern seien. Im British Medical Journal prognostizierten Forschende um den Public-Health-Experten Martin McKee von der London School of Hygiene and Tropical Medicine bereits 2023, dass die Industrie den „Nanny State“ geißeln werde. Sie werde anführen, dass die Freiheit komplett den Bach runtergehe. Dass das Ganze sowieso nicht funktionieren würde, es darüber hinaus Arbeitsplätze vernichte und – das Lieblingsargument: dass der Schmuggel zunehmen werde.

Die politische Bereitschaft in Deutschland geht gegen null

Die Autoren um McKee halten dagegen, dass die Industrie mit ihren Szenarien bisher eigentlich immer falschlag: „Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass selbst die festgefahrenen Normen schnell ins Wanken geraten können, wenn eine Gesundheitsmaßnahme – wie das Anlegen von Sicherheitsgurten oder das Rauchverbot an öffentlichen Orten – von der Öffentlichkeit mitgetragen wird.“ Als unrichtig hätten sich auch die Behauptungen erwiesen, dass Steuererhöhungen auf Tabak und die Einführung von Einheitsverpackungen den Schmuggel befeuern würden. Auch hätten die Rauchverbote die Kneipen nicht geleert, genauso wenig wie Einheitsverpackungen die Kioske am Straßenrand dezimiert hätten. Im Nachhinein hätte sich zudem oft gezeigt, dass die Verbände, die laut vor Gesundheitsmaßnahmen warnten, zum Teil von der Tabakindustrie finanziert wurden.

Suchtforscher Daniel Kotz hält es für denkbar, dass es in gewissem Maße illegalen Handel mit Zigaretten geben wird. Etwas kritisch sieht er, dass der Verkauf von E-Zigaretten nicht verboten wird. Man will sie weiter als Ausstiegshilfe für Raucher verfügbar halten. Doch: „Ich kann mir schon vorstellen, dass junge Menschen dann verstärkt E-Zigaretten konsumieren“, sagt er.  Alles in allem aber nennt er das Verkaufsverbot für Zigaretten einen „richtigen und sehr wahrscheinlich auch wirksamen Schritt“.

Für Deutschland dagegen können sich weder Kotz noch Katrin Schaller vorstellen, dass eine solche Regelung in naher Zukunft Realität werden könnte. „Die politische Bereitschaft in Deutschland, sich dem Thema Tabakprävention zu widmen, geht gegen null“, sagt Kotz.  „Deutschland hat anders als Großbritannien keine politisch gewollte und gut durchdachte Strategie, um nikotin- und tabakfrei zu werden.“

Schaller sagt: „Deutschland, das seit jeher im europäischen Vergleich in der Tabakprävention einen der letzten Plätze belegt, ist weit entfernt davon, eine tabakfreie Generation zu schaffen.“ Dazu müssten zunächst andere wirksame Präventionsmaßnahmen wie Tabaksteuererhöhungen, ein umfassendes Tabakwerbeverbot, besserer Schutz von Nichtrauchenden und standardisierte Verpackungen für Zigaretten umgesetzt werden, um auch hier ein Umfeld zu schaffen, das das Nichtrauchen normal macht.

Für wünschenswert halten die beiden Fachleute das alles auf jeden Fall: „Es ist so sinnvoll, dafür zu sorgen, dass hier nicht Generation für Generation wieder nikotinabhängig gemacht wird“, sagt Daniel Kotz: „Denn das ist das Ziel der Tabakindustrie.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: