Grippemittel Eine Behörde beruft sich auf die andere

Der Cochrane-Review ist der erste zum Thema, der auf vollständigen Studienberichten und allen Daten der Arzneimittelbewertung beruht. "Man kann veröffentlichten Studien allein ebenso wenig trauen wie den Empfehlungen von Gesundheitspolitikern, die womöglich nicht unabhängig sind", mahnen Jefferson, Heneghan und Doshi an.

Die Ärztin Kathrin Sonnenholzner, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im bayrischen Landtag und seit Jahren Kritikerin der Tamiflu-Bevorratung, kann angesichts der langwierigen Vorgeschichte nur den Kopf schütteln: "Wenn man es nicht wissenschaftlich betrachtet, reicht doch schon die Tatsache, dass Roche die Daten ewig nicht offengelegt hat, als Beleg dafür, dass das Zeug nichts bringt. Und aus wissenschaftlicher Sicht waren die Zweifel von Anfang an sehr groß."

Die Politikerin findet es bedenklich, den Menschen vorzugaukeln, dass es ein wirksames Mittel gegen Grippe gäbe, weil sie sich dann im tatsächlichen Pandemiefall nicht vorsichtig genug verhalten und etwa die Handhygiene vernachlässigen würden. "Manche Politikerkollegen glauben, den Leuten etwas anbieten zu müssen", hat Sonnenholzner immer wieder erlebt. "Die haben nicht den Mut, zu sagen: Wir haben nichts, es gibt keine Therapie."

Für Fiona Godlee, Herausgeberin des British Medical Journal, ist der aktuelle Überblicksartikel "das Ergebnis eines jahrelangen Kampfes, um an die bisher unveröffentlichten Studiendaten zu kommen". Sie fordert die Politiker auf, dass "künftige Entscheidungen, in einem so großen Umfang Medikamente zu kaufen, nur auf der Basis der vollständigen Studienlage getroffen werden".

Und die Politiker selbst? Haben sich in den Bundesländern trotz ihrer Hoheit in Gesundheitsfragen bisher immer hinter den Empfehlungen des Bundes versteckt, der sich wiederum auf eine - wissenschaftlich nicht haltbare - Empfehlung der WHO oder des Robert-Koch-Institutes gestützt hat, wonach Tamiflu ein sinnvolles Mittel gegen Grippe sei.

Fiona Godlee will, dass sich Gesundheitsbehörden wie Pharmafirmen verpflichten, alle Daten zur Wirkung und Sicherheit von Medikamenten zu veröffentlichen, auch wenn sie dazu 20 Jahre alte Unterlagen durchforsten müssen. "Es kann doch nicht sein, dass wir in Panik vor einer möglichen Pandemie eine Entscheidung wieder so übers Knie brechen", sagt sie. "Wir können uns das außerdem nicht leisten." Kathrin Sonnenholzner, die auch Vorsitzende des gesundheitspolitischen Ausschusses im bayrischen Landtag ist, drückt ihre Einschätzung noch klarer aus: "Ich sehe keinen Anlass, auch nur einen Cent für dieses Zeug auszugeben."

Vom bayrischen Gesundheitsministerium kommt keine eigene Einschätzung, sondern der - erwartete - Verweis auf die Empfehlungen anderer Behörden. Allein der Freistaat hat 3,8 Millionen Therapieeinheiten antiviraler Arzneimittel für 54,8 Millionen Euro beschafft. Auf Anfrage teilt das Ministerium mit: "Nach Auffassung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind im drei- bis viermonatigen Zeitraum zwischen dem Auftreten eines Influenza-Pandemie-Virus und der Verfügbarkeit eines geeigneten Impfstoffs antivirale Arzneimittel die einzige Möglichkeit einer Arzneimitteltherapie. Zudem hat das Robert Koch-Institut (RKI) eine staatliche Bevorratung für 20 Prozent der Bevölkerung empfohlen, um eine möglicherweise fehlende Verfügbarkeit antiviraler Arzneimittel auf dem Markt im Pandemiefall abzufangen."

Die Beweislage gegen die Grippemittel ist erdrückend, doch nichts scheint sich zu ändern. Manchmal hilft vielleicht nur noch, immer wieder "Der hat ja gar nichts an" in die Welt zu schreien.