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Grippemittel:Nebenwirkungen: Übelkeit und psychiatrische Erkrankungen

Die aktuelle Analyse ergab, dass Tamiflu im Vergleich zum Placebo die klinischen Symptome bei Erwachsenen zwar geringfügig verkürzen konnte - von 7 auf 6,3 Tage. Bei Kindern zeigte sich dieser minimale Effekt aber nicht.

Auch der immer wieder behauptete Schutz vor schweren Komplikationen ließ sich nicht nachweisen: Weder Lungenentzündung noch Bronchitis, Nebenhöhlenentzündungen oder Mittelohrentzündungen waren seltener, wenn die Patienten Tamiflu einnahmen. Das Medikament führte - anders als behauptet - auch nicht dazu, dass weniger Patienten ins Krankenhaus eingewiesen werden mussten.

Das Risiko für starke Übelkeit und Erbrechen stieg hingegen unter Tamiflu um fünf Prozent. Psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie kamen bei einem Prozent der Patienten vor, die Tamiflu vorbeugend nahmen. In den Auswertungen fanden sich zudem Hinweise, dass Tamiflu die körpereigene Produktion von Antikörpern gegen Grippe unterdrückt und damit die Abwehr gegen jene Infektion schwächt, vor der das Mittel eigentlich schützen soll.

Nach dem Ausbruch der Schweinegrippe 2009 und der unklaren Bedrohungslage hatten viele Regierungen Oseltamivir (Tamiflu) von Roche oder Zanamivir (Relenza) von GlaxoSmithKline bestellt. In Deutschland wurde bereits 2007 und 2008 mit der Einlagerung begonnen, nachdem sich von 2006 an die Vogelgrippe von Asien kommend auch in Europa ausgebreitet hatte.

Allein die USA lagerten für 1,3 Milliarden Dollar Tamiflu und Relenza ein. Großbritannien investierte 424 Millionen Pfund in die Grippemittel. In Deutschland sind aufgrund der Länderhoheit in Gesundheitsfragen keine exakten Zahlen verfügbar, Schätzungen belaufen sich auf mindestens 500 Millionen Euro für die Medikamente. Weltweit sind es wohl mehr als 10 Milliarden Euro, die für die Bevorratung bezahlt wurden.

Als von 2009 an die Zweifel an der Wirksamkeit von Tamiflu und Co. wuchsen, offenbarte sich ein weiterer Skandal: Der behauptete Nutzen des Mittels, so minimal er auch seinerzeit bereits zu sein schien, war nur durch 40 Prozent der Studiendaten belegt. Hersteller Roche weigerte sich, die restlichen 60 Prozent der Analysen und Patientendaten an unabhängige Wissenschaftler herauszugeben. Was folgte, war eine Posse, bei der die Ausreden des Arzneimittelriesen immer absurder wurden. "Gerade selbst mit der Auswertung beschäftigt", "Sorge um die Datensicherheit", "Sie haben doch schon etliche Daten bekommen" - 2012 veröffentlichte das British Medical Journal Teile dieses peinlichen Briefwechsels, in dem Roche den Cochrane-Forschern Jefferson, Heneghan und Doshi immer wieder aufs Neue die Einsicht in alle Daten zu Tamiflu verwehrte.

Keine einzige Behörde hat Auskunft verlangt

"Letztes Jahr änderte Roche seine Haltung endlich und machte die Daten zugänglich", sagt Doshi heute. Die Auswertungen von 20 Studien zu Tamiflu und 26 zu Relenza mit insgesamt mehr als 24 000 Patienten zeigen einfach gesagt noch weniger Nutzen bei noch größerem Schaden als gedacht. Was den Forscher von der University of Maryland aber fassungslos macht, ist, dass nur seine Hartnäckigkeit und die seiner Kollegen zum Erfolg führte.

In den vier Jahren ihrer Bemühungen haben "weder die amerikanische Seuchenschutzbehörde noch die europäische, noch die WHO oder die europäische Arzneimittelagentur bei Roche interveniert und gesagt: Wir wollen den kompletten Datensatz, um selbst die Beweiskraft zu untersuchen". Und die diversen Regierungen wiederum verstecken sich hinter den untätigen Fachbehörden und zahlen Milliarden für die unnützen Pillen. Doshi fällt nur ein Begriff für dieses Desaster auf allen politischen und regulatorischen Ebenen ein: "Multiorganversagen".

Doshi und seine Kollegen sind weit davon entfernt zu triumphieren, weil ihr jahrelanges Engagement endlich zum Ziel führte. "Die Zulassung und Verwendung von Medikamenten kann nicht länger auf fehlenden oder verzerrten Informationen beruhen", sagen sie nüchtern. "Wir riskieren damit die Gesundheit und das wirtschaftliche Wohlergehen unserer Bevölkerung."

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