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Glyphosat:Eine Studie - zwei Deutungen

Mehr als 1000 Studien, Dokumente und Veröffentlichungen seien ausgewertet worden, heißt es beim BfR. Die mögliche Krebsgefahr ist dabei nur einer von vielen untersuchten Aspekten. Nun liegt der in den vergangenen Monaten bereits mehrfach ergänzte Bericht bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA in Parma. Und Solecki will auch die IARC-Monografie noch nachreichen, bevor die EFSA ihre Empfehlung zum weiteren Umgang mit Glyphosat nach Brüssel schickt. Die EU-Kommission trifft schließlich gegen Ende des Jahres die Entscheidung, ob Glyphosat noch eine Zulassung für weitere zehn Jahre bekommt.

Das BfR steht mit seiner Einschätzung nicht allein, auch Behörden in den USA, Brasilien und Australien teilen die Ansicht, dass von Glyphosat keine Krebsgefahr für die breite Bevölkerung ausgeht.

Man muss sich sehr tief in die Papierberge graben, um zu verstehen, weswegen die Meinungen der beiden Institutionen auseinander gehen. Beide Expertengruppen können zum Beispiel auf die selben Untersuchungsergebnisse blicken und zu unterschiedlichen Folgerungen kommen. Da ist etwa jene Studie aus dem Jahr 1983, die eine seltene Form von Nierentumoren bei Mäusen gefunden hatte, die bis zu zwei Jahre lang Glyphosat ins Futter gemischt bekommen hatten. Für die IARC-Gruppe ist das ein Hinweis auf eine kanzerogene Wirkung. Für die Leute vom BfR erscheint die Dosis, bei der die Tumoren auftauchten, unrealistisch hoch. Ein Mensch würde an einer auf sein Körpergewicht hochgerechneten Menge sehr wahrscheinlich durch Vergiftung sterben, bevor sich Tumoren bilden könnten.

Auch bei anderen Tumortypen gehen die Bewertungen auseinander. Das BfR hält zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen Tumoren an der Bauchspeicheldrüse von Ratten und verfüttertem Glyphosat für "unwahrscheinlich" - allerdings ohne nachvollziehbar zu machen, durch welche statistischen Analysen man zu diesem Ergebnis kam. Das Amt versuchte sich dabei, aus einer Reihe von Untersuchungen zum selben Tumortyp ein Bild zu machen, während für die IARC bereits ein Trend in einer Studie ein alarmierender Hinweis sein kann und Grund genug, diese Tumorart mit auf die Liste zu setzen.

6000 Tonnen

Glyphosat wurden im Jahr 2012 allein in Deutschland verkauft. Laut Schätzung sprühten Bauern das Totalherbizid 2011 auf 30 bis 39 Prozent der deutschen Ackerfläche. Würde das Pflanzengift in der EU verboten, könnten die Erträge gemäß einer Modellrechnung um bis zu fünf Prozent sinken.

Die IARC-Experten gehen bei ihrer Bewertung sehr schematisch und nach klar vorgegebenen Kriterien vor. Ihr Urteil setzt sich immer aus drei Argumenten zusammen: Diese betreffen die vorliegenden epidemiologische Daten, Beobachtungen aus Tierversuchen, und ob es einen plausiblen Mechanismus gibt, durch den der zu untersuchende Stoff Krebs bei Menschen auslösen könnte.

Für die Kanzerogenität von Glyphosat bei Menschen sieht die Gruppe zwar nur "begrenzte Evidenz", klarer werde die Sache jedoch, wenn man die Daten aus Tierversuchen hinzuziehe. Der IARC-Bericht sieht hier "ausreichende Evidenz". Das Gremium nennt zudem gleich zwei Mechanismen, über die Glyphosat Krebs auslösen könnte. All das zusammengenommen führte die Expertengruppe nach einem festgelegten Entscheidungsschema dazu, Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" einzustufen.

Die wesentlichen Unterschiede zur Einschätzung des deutschen Amts erklärt die Leiterin der IARC-Bewertung Kate Guyton, so: "Das BfR kommt zu dem Schluss, dass die Tierversuchsdaten keine Belege für Kanzerogenität liefern. Weil das Institut aber nicht die Kriterien veröffentlicht, nach denen es solche Daten beurteilt, ist nicht klar, wie viele Tests und welche statistischen Methoden notwendig wären, um dieses Urteil zu ändern."

Außerdem scheine die Berliner Behörde bislang die möglichen Wirkmechanismen als nicht hinreichend belegt anzusehen. Guyton betont, dass es noch keinen Beweis dafür gebe, dass Glyphosat über diese Mechanismen auch beim Menschen zu Krebs führt, anderenfalls hätte ihr Gremium den Stoff als "krebserregend" eingestuft, ohne das einschränkende "wahrscheinlich" davor.

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