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Globale Gesundheit:Nicht sterben - oder auch beschwerdefrei leben?

Immer wieder ist zu hören, dass eine solche Zusammenarbeit das Ziel internationaler Entwicklungszusammenarbeit sein soll. Auf der World Health Assembly, dem Entscheidungsgremium der Weltgesundheitsorganisation, haben die Mitgliedstaaten 2015 eine Resolution mit dem Ziel verabschiedet, die chirurgische Basisversorgung weltweit zu verbessern.

Fragt man Magdalena Gründl nach einer Einschätzung dieser Nachrichten, holt sie erst mal tief Luft. Trotz der Erfolge dominiere bei vielen Ärzten und Gesundheitsministern noch immer die Vorstellung, dass die Investition von einem Dollar in Prävention deutlich mehr bringe als ein Dollar in kurative Medizin. Impfkampagnen, um es konkret zu machen, seien nun mal deutlich einfacher zu organisieren, als Krankenhäuser und Straßen zu bauen, Ärzte und Pfleger auszubilden und langfristig gut zu bezahlen. Dabei sind Krankheitsbilder, die einen chirurgischen Eingriff brauchen, leicht und günstig zu behandeln - vergleicht man einen gebrochenen Arm mit HIV oder Diabetes.

Dennoch liegt der Fokus woanders, ist sich Gründl sicher. Und tatsächlich taucht das Wort "Chirurgie" in der Agenda der UN-Millenniums-Entwicklungsziele nicht auf - während der Kampf gegen HIV und Malaria ausdrücklich erwähnt wird. Mittlerweile haben die Vereinten Nationen die sogenannten "Ziele für nachhaltige Entwicklung" vereinbart, doch auch in den aktuellen Statuten ist der Begriff "Chirurgie" nicht zu lesen. Immerhin werden Straßenunfälle, die zu den schlimmsten Killern in Afrika gehören, als Problem genannt; ebenso die oft schlechte Versorgung von Kindern, Müttern und Schwangeren.

Sie rollt das bayerische "R" und verschluckt das amerikanische

Und um Missverständnisse zu vermeiden: Global-Surgery-Forscher wie Gründl wollen nicht das globale Engagement gegen Infektionskrankheiten eindampfen. Nur: Auf dem afrikanischen Kontinent kommen jedes Jahr etwa 26 von 100 000 Menschen im Straßenverkehr ums Leben, in Europa sind es gerade mal neun. Viele dieser Unfallopfer sterben, weil sie nicht operiert werden können. Doch die Straßen sind nicht nur unsicher, sondern fehlen oft. In Sambia zum Beispiel, das zeigen die Daten von Gründl und ihrem Team, lebt ein Viertel der Bevölkerung zwei oder mehr Stunden Fahrt vom nächsten Krankenhaus entfernt. Für Patienten mit einem Schlaganfall, einem Schädel-Hirn-Trauma oder häufig auch einer Geburtskomplikation ist das viel zu lang. Jedes Jahr sterben weltweit etwa 300 000 schwangere Frauen vor der Entbindung, oft verbluten sie. In Sambia, um im Beispiel zu bleiben, versorgen gerade mal 97 Chirurgen ein ganzes Land; es hat 16 Millionen Einwohner.

Diese Zahlen zeigen: Wohin der eine Dollar investiert werden soll, ist so einfach nicht zu beantworten. Bewertet man eine Krankheit nicht nur nach der Frage, wie viele Menschen an ihr sterben, sondern auch, wie stark sie ein beschwerdefreies Leben einschränkt, rückt die Chirurgie schnell in den Fokus. Man denke an den Bauern mit dem gebrochenen Arm, der seine Familie nicht mehr ernähren kann.

Fragt man Magdalena Gründl nach einem solchen Beispiel, erzählt sie von Grace, einem 4-jährigen Mädchen, das sie in einer Klinik in Tansania kennengelernt hat. Das Kind war gestürzt, der Kreislauf nach Tagen zusammengebrochen. Grace ist wahrscheinlich an einer Infektion gestorben, die Wunde war nicht steril verbunden. Für Gründl ist das Erlebnis mit Grace, das es weltweit tausendfach gibt, ihr persönlicher Schlüsselmoment. Heute reist Gründl durch die Welt, sie rollt das bayerische "R" und verschluckt das amerikanische, sie hat so lange im Ausland gelebt, dass sie immer wieder nach deutschen Wörtern sucht. Gründl liebt den internationalen Flair ihrer Forschung und scheut sich nicht, zwischen vielen erfahrenen, älteren Ärzten auf einem Podium zu sprechen. Sie ist überall die jüngste, oft die einzige Frau.

Die Dinge also anders sehen, den Blick von oben zuzulassen, genau darum geht es ihr. In einem wegweisenden Aufsatz im Fachblatt The Lancet, den sie immer wieder zitiert, wird beschrieben, welchen enormen Effekt eine gute chirurgische Versorgung auf das Leben der Menschen in vielen Regionen der Welt hätte: "lost lives, lost potential, lost output" heißt die Triade, gegen die man ankämpfen will - und zwar mit Nadel und Faden, mit Röntgengeräten, besserer Ausbildung und sicheren Straßen: Es ist der Kampf gegen verlorene Leben, verlorenes Potenzial, verlorene Arbeitskraft.

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