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Gewalt:Psychisch krank heißt nicht gefährlich

Mindestens zwei der Täter, die Bayern dieser Tage in Angst versetzten, hatten psychische Probleme. Eine Erklärung für ihre Taten ist das nicht.

"Ich war stationär in Behandlung", schrie der Amokläufer von München kurz vor seinem Tod und für manchen war damit bereits alles gesagt. Schnell wurde bekannt, dass David S. an Depressionen und sozialen Phobien gelitten haben soll. Und eines der ersten Details, das die Öffentlichkeit über den Selbstmordattentäter von Ansbach erfuhr, war, dass er wegen Depressionen und Suizidversuchen in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung war.

Ist also die psychische Krankheit das verbindende Element dieser Taten? Bietet sie ein übergreifendes Erklärmuster? Sicher nicht. So groß das Bedürfnis nach einer Deutung, nach einem simplen Ursache-Wirkungs-Prinzip auch sein mag, die kranke Seele per se taugt nicht als Schlüssel für die Geschehnisse.

Leiden der Psyche sind weit verbreitet; ein Drittel aller Deutschen wird im Laufe eines Jahres mit einer Angststörung, Alkoholismus, Depressionen oder weiteren Erkrankungen zu kämpfen haben. Diese Leiden können jederzeit ausbrechen, weshalb auch vorbeugende Screenings - wie sie beispielsweise nach dem absichtlichen Absturz der Germanwings-Maschine 2015 diskutiert wurden - zum großen Teil ins Leere gehen dürften. Und selbst wenn eine Depression oder Schizophrenie früh erkannt wird, ist ihr Verlauf nicht zuverlässig vorherzusagen. Manche Menschen werden nur einmal in ihrem Leben krank, und wollen die Wochen der Pein anschließend schnell vergessen. Bei anderen kehrt die Krankheit wieder, manchmal regelmäßig. Sie kann sich verschlimmern, kann sich ausweiten - etwa wenn auf dem Boden einer Depression eine Sucht wächst. Etwa zwei Drittel der psychisch Kranken haben mindestens zwei verschiedene Diagnosen.

Amoklauf in München Angst vor Menschen Video
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Amoklauf in München

Angst vor Menschen

Über den Täter David S. ist noch nicht viel bekannt. Er war wegen einer Depression in Behandlung und litt offenbar unter einer sozialen Phobie.

Und so wie es nicht den psychisch Kranken gibt, lässt sich auch die Frage nur schwer beantworten, ob der Betroffene stärker zu Gewalt neigt. Internationale Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Psychosen, zu denen vor allem Schizophrenien und manisch-depressive Erkrankungen gehören, etwa drei- bis viermal häufiger Gewaltdelikte begehen als geistig Gesunde. Und doch scheinen häufig nicht die Grunderkrankungen für Gewaltausbrüche verantwortlich zu sein, sondern der mit ihnen einhergehende Drogen- und Alkoholmissbrauch. Die erhöhte Aggressionsrate ist vergleichbar mit der von Drogenkonsumenten ohne Psychose, schreiben Forscher, die Studien mit mehr als 18 000 Patienten ausgewertet haben. Auch der soziale Abstieg und die Verwahrlosung, die schlecht betreuten Psychotikern droht, werden als Gründe für gewalttätiges Verhalten genannt.

Mindestens ebenso häufig wird psychisch Kranken aber auch Gewalt zugefügt. Eine Studie mit Psychiatriepatienten aus Großbritannien ergab, dass kranke Frauen fast achtmal häufiger Opfer einer Straftat werden als psychisch gesunde Frauen in einer Kontrollgruppe. Einer schwedischen Studie zufolge liegt das Risiko, ermordet zu werden, für seelisch Kranke fünfmal höher als in der gesamten Bevölkerung. Am größten ist die Gefahr für Suchtpatienten. Depressiv Erkrankte sind knapp dreimal so häufig unter den Mordopfern wie Gesunde. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass psychisch Kranke für unberechenbar oder gefährlich gehalten werden. Dazu, so schrieben schon vor drei Jahren zwei britische Psychiater im British Medical Journal, trage auch die Berichterstattung der Medien bei.

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