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Gewalt gegen Mediziner:Helfer als Opfer

Zwischen Patient und Maschine: Jobs in der Medizintechnik

Aggressionen gegen Ärzte und Pflegepersonal sind häufig. Doch kaum jemand spricht darüber.

(Foto: dpa)

"Angriff mit Stichwaffe", "mit Pistole bedroht": Gewalt gegen Ärzte und Pflegepersonal wurde lange unterschätzt. Viele Mediziner nehmen die aggressiven Patienten noch in Schutz.

Der Mann war groß und athletisch und entwickelte ungeheure Kräfte. Neben einem Arzt und einem Pfleger waren immerhin sechs Polizisten nötig, um den tobenden Patienten auf den Boden zu drücken und ihm Handschellen anzulegen. "Wir mussten ihn auf die Intensivstation bringen, erst dort konnten wir ihn sedieren", sagt Markus Wörnle vom Münchner Universitätsklinikum Innenstadt. "Er war betrunken und hatte zudem diverse Drogen genommen."

Ein anderer Patient aus der Notaufnahme zog sich bis auf die Unterhose aus und kletterte die Außenwand des alten Gemäuers hoch. Dort hockte er sich in beträchtlicher Höhe auf einen Sims. "Er hat gemeint, er sei ein Vogel und könne fliegen", erinnert sich Wörnle. "Wir hatten Angst, dass er auf andere Patienten springt oder sich selbst verletzt." Für den Arzt, der die internistische Notaufnahme der Uniklinik leitet, ist das Ungewöhnliche mittlerweile alltäglich. "Irgendwas ist eigentlich immer und irgendwann wird das normal", sagt Wörnle. "Ein Patient, Mitte 30, hat mit Krücken um sich geschlagen. Ein anderer hat so sehr randaliert, dass er ein Ultraschallgerät umgeschmissen und Tausende Euro Schaden verursacht hat." Und dann erwähnt Wörnle noch die Schachtel, in der Mitarbeiter der Notaufnahme Klappmesser und andere Gegenstände gesammelt haben, mit denen sie von Patienten bedroht worden sind.

Was nach einem Bandenkrieg oder organisiertem Verbrechen klingt, spielt sich dort ab, wo man es am wenigsten erwartet: In Krankenhäusern, Ambulanzen und Praxen. Und die Gewalt trifft häufig jene, die von Berufs wegen helfen: Ärzte und Pflegepersonal. Aggressionen in der Medizin und gegen Angehörige der Heilberufe werden massiv unterschätzt. So waren in der jüngsten Gesetzesvorlage von Justizminister Maas, die vorsah, Übergriffe gegen Polizisten und Sanitäter stärker zu ahnden, ausgerechnet die Ärzte nicht berücksichtigt.

Ein Hausarzt notiert lapidar: "Angriff mit Stichwaffe, Flucht meinerseits durch Fenster"

"Gerade bei Nacht- und Nebeldiensten kann etwas passieren", sagt Florian Vorderwülbecke, Hausarzt in Deisenhofen, einem Ortsteil von Oberhaching. "Das bilden sich nicht nur einzelne Ärzte ein, und das sind auch keine hysterischen Kolleginnen, die darüber klagen, wie manchmal unterstellt wird." Der Mediziner hat 2015 gemeinsam mit Kollegen von der Technischen Universität München eine Analyse über Gewalt und Aggressionen im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht, die deutlich macht, wie verbreitet das Phänomen ist.

Demnach sind 91 Prozent der Allgemeinmediziner und praktischen Ärzte im Verlauf ihrer Tätigkeit schon mit aggressivem Verhalten von Patienten oder Angehörigen konfrontiert worden. 23 Prozent der Mediziner erlebten schwerwiegende Aggressionen und Gewalt, bei elf Prozent der Befragten ereigneten sich die heftigen Zwischenfälle in den vergangenen zwölf Monaten. In ihrer Praxis fühlen sich zwar die meisten Ärzte noch sicher, während der Bereitschaftsdienste und bei Hausbesuchen sieht das jedoch anders aus. Zwei Drittel der Ärztinnen und ein Drittel der Ärzte sind sich dann unsicher.

Die Fallschilderungen in Vorderwülbeckes Fachartikel lesen sich wie Auflistungen aus dem Strafgesetzbuch. Sie reichen von wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen bis hin zu extremer Gewalt. "Ein Patient hat sich über die Wartezeit so aufgeregt, dass er mich übel beschimpft und den auf der Erde stehenden PC zertreten hat", berichtet ein Arzt. "Tätlicher Angriff mit Faustschlägen", notiert ein anderer. "Mit Messer bedroht und bei Ankunft in der Wohnung von drei Pitbulls empfangen und genötigt", heißt es in einem Bericht aus dem ärztlichen Bereitschaftsdienst. Besonders Hausbesuche scheinen gefährlich zu sein. "Von Ehefrau des Patienten in der Wohnung eingesperrt und von Patient mit Pistole bedroht worden - er hatte bereits das Fenster zerschossen", schreibt ein Arzt. Ein Hausarzt notiert lapidar: "Angriff mit Stichwaffe, Flucht meinerseits durch Fenster."

Viele malträtierte Mediziner versuchen, gewalttätige Patienten zu entschuldigen

Spricht man mit Ärzten über ihre Gewalterfahrungen, reagieren sie erstaunlich gelassen, manchmal sogar verständnisvoll. Ein Notarzt aus Freiburg bekam während eines nächtlichen Einsatzes am Kaiserstuhl von einem drogenabhängigen Patienten eine abgebrochene Flasche an den Hals gehalten. "Ich wusste zwar, dass es jetzt ganz schnell aus sein kann", sagt der Mediziner. "Aber dann konnte ich die Situation doch beruhigen." Unsicher oder gar bedroht fühlt er sich während seiner Arbeit jedoch nicht. "In all' den Jahren war das der einzige wirklich gefährliche Zwischenfall", sagt der Arzt.

Auch in Florian Vorderwülbeckes Untersuchung finden sich beschwichtigende Erklärungsversuche malträtierter Ärzte. "Der Patient fing an, mich zu boxen und zu schlagen mit erheblicher Aggression", so ein Mediziner. "Er konnte jedoch nichts dafür, denn sein Hb-Wert war unter 5 und das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt." Können Patienten wirklich nichts dafür, wenn sie auf Ärzte losgehen und damit auf jene, die ihnen helfen wollen? "Manchmal ist da sicher Enttäuschung der Patienten im Spiel, dass der Arzt nicht helfen kann und dann lassen sie ihre Wut raus", sagt Antonius Schneider, Chef der Allgemeinmedizin an der TU München. "Zudem gibt es immer weniger Respekt vor Autoritäten. Die Hemmschwelle gegenüber Ärzten sinkt - das ist die Kehrseite einer Medizin auf Augenhöhe."