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Gesundheitsversorgung in Griechenland:"Purer Überlebenskampf"

Von Alexandroupolis im Norden Griechenlands bis hinunter zur Südspitze auf dem Peloponnes - in den meisten griechischen Krankenhäusern geht ohne die Hilfe von außen nichts. Viele Ärzte und Krankenschwestern bitten Verwandte von Patienten, Verbandszeug, Tupfer oder gar OP-Scheren und Medikamente wie Antibiotika erst selbst in der Apotheke zu kaufen und dann ins Krankenhaus zu bringen, weil sich das Krankenhaus nichts davon mehr leisten kann.

Usus ist es in den meisten griechischen Krankenhäusern mittlerweile, dass sich nicht Pfleger oder Krankenschwestern um die Patienten kümmern, sondern deren Verwandte: Sie wechseln Verbände, drehen Schlaganfallpatienten, die sich nicht mehr bewegen können, bringen Mittag- oder Abendessen ins Krankenhaus. Die meisten Kliniken setzen diese Eigenleistungen der Verwandten sogar voraus. Jobst Rudolf ist Deutscher und Chefneurologe des Papageorgiou-Krankenhauses. Er fasst die Zustände im griechischen Gesundheitswesen in zwei Wörtern zusammen: "Purer Überlebenskampf".

Apotheker streiken, weil ihnen die nationale Gesundheitskasse Eopyy, die für nahezu alle Griechen zuständig ist, Geldprobleme hat. Eopyy hat Schulden in Höhe von rund zwei Milliarden Euro. Nicht nur bei Apothekern, auch bei Medikamentenherstellern und Krankenhäusern. Ärzte und Krankenschwestern streiken, weil ihnen die staatlichen Kliniken bis zu acht Monatsgehälter schulden.

Lambrini Asteriou ist Krankenschwester im Papageorgiou. Seit den Lohnkürzungen verdient sie noch knapp 1000 Euro netto. Für ihre 14-Stunden-Nachtschicht in der Notaufnahme erhält sie einen Nettozuschlag von gerade einmal 20,62 Euro. Stundenzusatzlohn: 1,47 Euro. Sie sagt: "Ich habe einen regulären, kräftezehrenden Job in einem der besten Krankenhäuser dieses Landes und trotz einer 60-Stunden-Woche reicht es hinten und vorne nicht."

Eine Besserung der Lage zeichnet sich nicht ab. 2011 unterzeichnete Griechenland ein Abkommen mit internationalen Kreditgebern, um dem finanziellen Bankrott zu entgehen. Darin steht, dass Griechen ohne Krankenversicherung all ihre Gesundheitskosten selbst tragen müssen. In Griechenland verliert jeder nach einem Jahr Arbeitslosigkeit auch seine Krankenversicherung. Im Moment sind laut griechischem Statistikamt 1,3 Millionen Griechen arbeitslos, 26,4 Prozent. Etwa die Hälfte besitzt schon keine Krankenversicherung mehr. Die Aussichten auf einen Job könnten kaum schlechter sein.

Für Oberärztin Kiparisia Karatzidou ist die Frustrationsgrenze nach vier Jahren Dauerkrise erreicht, sie sagt: "In Griechenland bedeutet Arbeitslosigkeit heute den Tod." Sie überlegt, Griechenland zu verlassen. Ihr Ziel: Deutschland.