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Medizin:Was Ärzte krank macht

Mediziner

Es herrscht eine Geringschätzung derer, die Dienst an Kranken leisten. Man wird für diesen Dienst angegriffen und in Bewertungsportalen beleidigt.

(Foto: dpa)

Gegängelt, beleidigt, vom Patienten überfordert: Viele Mediziner stehen vor dem Kollaps - wie das gesamte Gesundheitssystem.

Mein Beruf ist Arzt. Ich bin es aus Leidenschaft. Als Arzt kümmere ich mich um Kranke und begleite Sterbende auf ihrem letzten Weg. Dies ist die Krankengeschichte unseres Gesundheitswesens, wie ich sie tagtäglich erlebe und erleide.

Vor 25 Jahren gab es die Arztschwemme, jetzt ist der Mangel angekommen - kein Wunder, denn Ärzte werden müde und krank. Die Gründe dafür sind vielfältig: Überbürokratisierung, Arbeitsüberlastung, keine Zeit für genuine ärztliche Tätigkeit, Überalterung der Ärzteschaft, Gängelung durch Gesetzgeber, öffentliche Verunglimpfung durch Arztbewertungsportale, unangemessene Erwartungshaltung der Gesellschaft an die Medizin. Das ärztliche Gelöbnis verpflichtet uns aber zur Achtung der eigenen Gesundheit!

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Die 112 soll faktisch mit der Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes zusammengelegt werden. Anrufer sollen aber künftig bei einer der "Gemeinsamen Notfallleitstellen" landen.   Von Henrike Roßbach

Auch Schwestern, Pfleger und Pflegerinnen, das Assistenzpersonal in Praxen steigen aus dem System aus. Mehr als 50 000 Pflegekräfte fehlen bundesweit. In Ballungszentren sind durchgängig mehr als 500 Stellen in Praxen unbesetzt. Beim Versuch, Personal zu gewinnen, ist das Lohngefüge aus dem Ruder gelaufen und gefährdet den Bestand der Praxen.

63 Milliarden Euro Honorar ist der Ärzteschaft in den letzten zehn Jahren durch Budgetierung entgangen. Auch dieser Honorarverlust gefährdet viele Praxen. Das Terminservicegesetz fordert Mehrarbeit ohne Entlohnung. Verständlich, dass junge Ärzte die Arbeit in eigener Praxis scheuen. Die Zahl angestellter Ärzte in der ambulanten Versorgung ist von 9000 auf 39 000 in zehn Jahren gestiegen.

Ein weithin geleugnetes Symptom ist die gewachsene Anspruchshaltung der Patienten. Ihnen wird der uneingeschränkte Zugang zu ärztlicher Versorgung versprochen, ohne ihnen die Folgen vor Augen zu halten. Unser Gesundheitswesen ist mit 3800 Euro Kosten pro Kopf neben den USA das teuerste der westlichen Welt. Doch an der Lebenserwartung gemessen, rangiert es auf den hinteren Plätzen.

Die Arzt-Patienten-Kontaktaufnahme ist in Deutschland die höchste in Europa, 90 Prozent der Bevölkerung haben mindestens einmal im Jahr Kontakt mit einem Arzt. Befindlichkeitsstörungen und psychosomatische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Mehr als 20 Millionen Personen in Deutschland leiden an funktionellen Magen- und Darmbeschwerden wie Blähungen, Wechsel der Stuhlform und Stuhlkonsistenz. Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind, befeuert durch Internetforen und alternative Ratgeber, zu einem Modethema geworden. Mit diesen Befindlichkeiten stürmen die Patienten die Facharztpraxen. Ist es verwunderlich, dass Wartezeiten von Wochen entstehen?

Nur zwei Millionen Menschen haben eine genetische Grundlage für Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Doch Stress und fehlgeleitetes Körperbewusstsein führen zu einem Krankheitsgefühl, das keine organpathologische Erklärung hat. Ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt mit unserer Gesellschaft. Doch die Medizin kann die Gesellschaft nicht heilen. Entfremdung zwischen Arzt und Patient ist die Folge: Es herrscht eine Geringschätzung derer, die Dienst an Kranken leisten. Man wird für diesen Dienst angegriffen und in Bewertungsportalen beleidigt.

Wenn nicht schnell etwas geschieht, wird das System zugrunde gehen

Die Ökonomisierung der Medizin ist das Symptom, das der Dominanz der Kostenträger im Gesundheitssystem geschuldet ist. Budgetierung, Honorardeckelung, nach Durchschnittsgrößen berechnete stationäre Leistungen und Fallpauschalen haben zum ökonomisch dominierten Versorgen der Patienten geführt. Nicht der Arzt entscheidet über die Patientenversorgung - der Controller des Krankenhauses bestimmt Verweildauer und Behandlung der Kranken. In der ambulanten Versorgung wird der medizinische Fortschritt schlicht weggespart. Das Honorar für Ärzte berücksichtigt keine Investitionsleistungen, um medizinischen Fortschritt zu garantieren.

Unser Gesundheitssystem ist das älteste der westlichen Welt. Es wird nach mehr als 140 Jahren zugrunde gehen, wenn nicht schnell etwas geschieht. Ärzte und die Kräfte, die mit ihnen die Versorgung aufrechterhalten, müssen wieder Achtung und Ansehen erhalten. Ihre Bezahlung - nicht allein die der Pflegekräfte - muss dem Leistungsniveau und den Existenznotwendigkeiten angepasst werden. Der Zugang zur fachärztlichen Versorgung muss durch eine Indikationsprüfung reguliert werden. Die Steuerungsfunktion der Hausärzte muss ausgebaut werden. Bagatellerkrankungen und Befindlichkeitsstörungen müssen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen werden.

Damit muss man jetzt beginnen. Sonst lässt sich das Sterben des Gesundheitssystems nicht mehr aufhalten.

Berndt Birkner, 70, ist Gastroenterologe in München.