Süddeutsche Zeitung

Gesundheitsstudie:Land der Sitzenbleiber

  • Rund siebeneinhalb Stunden täglich sitzen die Deutschen im Schnitt vor dem Fernseher, dem Computer oder im Berufsverkehr herum, warnen die Autoren einer repräsentativen Studie.
  • Die Forscher hatten im Auftrag einer Krankenkasse erstmals speziell die Auswirkungen des Dauersitzens näher untersucht. Das viele Sitzen sei ein eigenständiges Gesundheitsrisiko.
  • Kinder könnten den ungesunden Lebensstil kopieren, warnen die Autoren. Viele haben einen eigenen Fernseher im Zimmer.

Die Deutschen sitzen im Schnitt siebeneinhalb Stunden am Tag. Junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren kommen sogar auf neun Stunden, die sie täglich sitzend verbringen, so die Ergebnisse der repräsentativen Studie "Wie gesund lebt Deutschland?", die heute von der Krankenkasse DKV vorgestellt wurde.

Das Dauersitzen sei ein "eigenständiger Risikofaktor für die Gesundheit" geworden, erklären die Autoren in dem Bericht. 3102 Menschen hatten die Forscher nach ihrem Gesundheitsverhalten im Alltag befragt. Am längsten lümmeln die Deutschen demnach vor dem Fernseher herum - im Schnitt über zwei Stunden täglich. Im Büro sitzen die Menschen durchschnittlich am zweitlängsten. Nur jeder zweite bewege sich im Alltag ausreichend, das Dauersitzen lasse sich zudem nicht vollständig mit Bewegung kompensieren. Arbeitgebern empfehlen die Forscher zum Beispiel, Meetings öfter im Stehen abzuhalten, und verstellbare Schreibtische für ihre Mitarbeiter anzuschaffen.

"Wir sind ein Volk der Sitzenbleiber geworden", sagte DKV-Chef Clemens Muth. Das Dauersitzen habe "weitreichende Folgen für den Fett- und Blutzuckerstoffwechsel und macht die Menschen krank."

Kinder kopieren den ungesunden Lebensstil

Besondere Sorge bereitet den Autoren, dass viele Kinder sich den sitzenden Lebensstil schon früh angewöhnen. Rund vier Stunden sitzen Kinder außerhalb der Schule an Werktagen. Jedes zweite Kind bewege sich zu wenig, drei von vier Kindern verbrächten mehr als eine Stunde pro Tag vor dem Bildschirm. 72 Prozent der Kinder haben sogar einen eigenen Fernseher im Zimmer. Die Forscher hatten jedoch nicht die Kinder selbst befragt, sondern ihre Eltern zum Medienkonsum in der Familie.

"Kinder wachsen praktisch im Sitzen auf und kopieren den ungesunden lebensstil ihrer Eltern", erklärte Muth. Vielleicht sollten Kinder sich eher an den Großeltern ein Beispiel nehmen. So sitzen Senioren ab 66 Jahren durchschnittlich deutlich weniger als sieben Stunden täglich.

Nur elf Prozent halten sich an alle Empfehlungen

Auch insgesamt leben Ältere deutlich gesünder. Um dies zu bewerten, fragten die Forscher neben der täglichen Bewegung auch nach den Ernährungsgewohnheiten, dem Empfinden von Stress und dem Umgang mit Alkohol und Tabak. Nur elf Prozent der Deutschen leben demnach in allen Bereichen gesund, ältere Menschen sind dabei deutlich gewissenhafter. Unter ihnen erreichen 15 Prozent die Vorgaben.

Am gesündesten leben dem Bericht zufolge die Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns, hier erfüllen 19 Prozent die Vorgaben für ein gesundes Leben. So empfehlen die Wissenschaftler beispielsweise mindestens 150 Minuten moderater bis intensiver körperlicher Aktivität pro Woche. Berlin und Nordrhein-Westfalen bilden mit acht Prozent die Schlusslichter im Gesundheits-Ranking. "Menschen in NRW leiden vor allem unter Stress und Bewegungsmangel", erklärte Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln, der die Studie wissenschaftlich leitete. "Und die Berliner rauchen viel und trinken gerne Alkohol."

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2321117
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/hach/liv
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.