Körperhaltung:Manche Völker animieren ihre Kinder zum frühen Sitzen

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Stergiou ist überzeugt, dass sehr frühe Interventionen, wie physiotherapeutische Hilfe beim Sitzenlernen, die Auswirkungen der Zerebralparese deutlich mildern können. "Wir haben zwar noch keine Langzeitdaten. Aber wir konnten Kleinkindern mit ganz leichten Übungen, die sie zum Beispiel Schwerkraft und Reibung erfahren lassen, bisher hervorragend helfen, ihre motorische Entwicklung zu normalisieren."

Ein Kind, das sitzt, kann nach Gegenständen greifen und sie ganz in Ruhe mit Händen, Mund und Augen untersuchen, ohne dass ihm dabei wie im Liegen die Sachen ins Gesicht fallen. Auch diese haptischen Informationen sind wichtig für die weitere Entwicklung. Im Sitzen ermöglichen sie dabei auch ganz erstaunliche geistige Leistungen, wie die Arbeit der amerikanischen Psychologin Rebecca Woods von der North Dakota State University zeigt.

Sitzen erlaubt den Kindern mehr Leistung

Normalerweise können Babys erst mit etwa 7,5 Monaten Gegenstände anhand eines Musters unterscheiden, zum Beispiel einen gestreiften von einem gepunkteten Ball. In diesem Alter sind die Kinder in der Regel schon in der Lage, alleine aufrecht zu sitzen. In Woods Versuch bewältigten aber auch jüngere Babys, die noch nicht selbst sitzen konnten, die Aufgabe - wenn sie die Bälle eine Minute lang zum Erkunden bekamen und dabei beim Sitzen unterstützt wurden. Erstaunlicherweise bemerkten sogar 5,5 Monate alte Kinder den Unterschied zwischen den Bällen, wenn sie während einer "Erkundungsphase" stabil in einem Kinderstuhl saßen.

"Das Sitzen erlaubt den Kindern, sich viel mehr auf eine Sache zu konzentrieren - und das ist es, was die Leistung ermöglicht", sagt Rebecca Woods. Sollen Eltern also ihre Babys früh hinsetzen, damit sie mehr wahrnehmen und besser lernen können? Der Gedanke dürfte vielen Hebammen und Kinderärzten in Deutschland die Haare zu Berge stehen lassen. Ermahnen sie hierzulande Mütter und Väter doch häufig eindringlich, ihr Kind auf gar keinen Fall in eine Position zu bringen, die es aus eigener Kraft noch nicht erreichen kann. Das sei schädlich für Knochen, Muskeln und Entwicklung.

"Wenn wir sitzen, befreien wir uns von kognitiver Belastung"

Sonderbarerweise gilt in anderen Kulturen das Gegenteil. In vielen afrikanischen Völkern trainieren die Mütter nicht erst das Laufen, sondern schon das Sitzen mit ihren Säuglingen. Das führt nicht zu Haltungsschäden, sondern tatsächlich zu einer beschleunigten motorischen Entwicklung, die unter dem Fachbegriff "African Infant Precocity" - Frühreife afrikanischer Babys - bekannt ist. Sitzen ist nicht zuletzt ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum Stehen und Laufen.

Die Kontrolle dieser Körperhaltungen ist dabei eine komplexe Herausforderung, die sich evolutionär gelohnt hat: Schließlich ist kein anderes Lebewesen so erfolgreich im Kampf ums Überleben wie der aufrecht gehende, seine Hände vielseitig einsetzende und eben auch sitzende Mensch. Fast alle Teile des Nervensystems sind bei der Koordination dieser Prozesse beteiligt. Eine besondere Rolle scheint das Kleinhirn zu spielen. Es ist auch der Teil des Gehirns, der sich im Verlauf der menschlichen Evolution relativ gesehen am meisten vergrößert hat. Dort laufen Informationen über Positionen der Gliedmaßen mit anderen Sinneseindrücken zusammen. Die Bedeutung der Haltungskontrolle für den Menschen lässt sich auch daran ablesen, dass die Entwicklung des Kleinhirns erst eineinhalb bis zwei Jahre nach der Geburt abgeschlossen ist.

Aber auch wenn die elementaren Lernprozesse der Kindheit längst bewältigt sind, profitieren Menschen vom Sitzen. "Sitzen bietet gegenüber Liegen oder Gehen echte Vorteile, insbesondere wenn wir so sitzen, dass wir gut atmen können", erklärt Rebecca Woods. "Wenn wir sitzen, ruhen wir uns nicht nur physisch aus, wir befreien uns auch von kognitiver Belastung. Deshalb können wir uns viel besser konzentrieren."

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