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Gesundheitsarchitektur:Eine Architektin entwirft Krankenhäuser im Baukastensystem

Krankenhaus

Architekturmodell von der Modulklinik von Architektin Sarah Friede, Lübeck.

(Foto: Julia Knop; Julia Knop)

Sarah Friede sucht ein Thema für ihre Masterarbeit, als ein Arzt in Homs um Hilfe bittet - beim Bau einer Klinik. Die Geschichte von übergroßen Legosteinen im Krisengebiet.

Sarah Friede fällt zwischen den Ärzten und Pflegern in der Cafeteria der Berliner Charité kaum auf mit ihrem weißen T-Shirt und den hellgrauen Jeans. Sanft streichelt sie über die Rillen der Holzbank, so, als könnte sie mit einer Handbewegung ermessen, wie widerstandsfähig das Material ist. Immer wieder gleitet­ ihr Blick ehrfurchtsvoll zu dem roten Backsteinbau, vor dessen Eingang sie in der Sonne sitzt. Die Charité ist der Inbegriff eines Krankenhauses in Deutschland. Der Prototyp einer Klinik. Ende des 19. Jahrhunderts setzten Bauarbeiter elf Jahre lang Stein auf Stein, bis der großzügig angelegte Campus fertig war.

Der jungen Architektin Sarah Friede ringt das Respekt ab. Sie hat ihren Beruf aus Liebe zum Altbau ergriffen. Und doch hat sie einen Prototyp entworfen, den man getrost als die Antithese zum schmucken Charité-Campus bezeichnen könnte: ein Krankenhaus auf Basis eines einzigen Standardmoduls. Länge: 6 Meter.­ Breite: 3 Meter. Höhe: 3,45 Meter. Wie übergroße Legosteine lassen die Module sich stapeln und zu einem voll funktionstüchtigen Krankenhaus aufbauen. Das geht schnell. Und es ist billig. Und trotzdem hat ihr Prototyp das Potenzial, ebenso große humanitäre Strahlkraft zu entwickeln wie die Charité, das Flaggschiff der deutschen Medizin - wenn auch auf völlig andere Art und Weise.

Sarah Friedes Krankenhaus soll nicht in Berlin gebaut werden, sondern im syri­schen Homs. Dort, wo jeder Tag zählt, an dem es keine medizinische Versorgung gibt. Dort, wo es einen großen Unterschied macht, dass in ihrer Bauweise bei gleichem Budget drei Krankenhäuser statt einem gebaut werden könnten.

Ihre Idee ist simpel, wie gute Ideen eben sind. Ihre Modulbauweise ist billig, aber die eigentliche Kostenfalle beim Krankenhausbau, merkte Friede schnell, ist der aufwendige Planungsprozess, in dem immer wieder Anforderungen abgeglichen werden. Sollte der Operationssaal doch ein paar Quadratmeter größer werden, vielleicht die Bettenzimmer doch etwas schmaler? Das kostet Zeit und Geld. Also entwarf Friede ein Baukasten-system. Es soll so einfach zu bedienen sein wie ein Ikea-Küchenplaner. "Ich habe den Modulbau natürlich nicht erfunden, aber er wurde bei Krankenhäusern noch nie so angewandt", sagt Friede.

Noch existiert das Krankenhaus für Homs mit 400 Betten nur in Lübeck, als Modell auf Friedes Bürotisch. Doch die Pläne haben gute Chancen, Wirklichkeit zu werden. Die Vereinten Nationen, genauer die Weltgesundheitsorganisation WHO, haben die Pläne übernommen und sind gerade auf der Suche nach Geldgebern. Die deutsche Bundesregierung hat Unterstützung signalisiert, die syrische Regierung hat bereits zugestimmt, dass das Krankenhaus auf dem ursprünglichen Grundstück wiedererrichtet werden darf. Nur die Gelder sind noch nicht freigegeben.

Krankenhaus-Design

Hier heilt der Architekt

Begonnen hat alles im April 2016 mit einer vage formulierten E-Mail von Oliver Rentzsch, der als Arzt und Gesundheitswissenschaftler für die WHO arbeitet und immer wieder in Syrien im Einsatz ist. Ob mal jemand darüber nachdenken könne, wie sich Krankenhäuser in Krisengebieten schneller und billiger bauen ließen, fragte er bei der Fachhochschule Lübeck an. Es quälte ihn zu sehen,­ dass die Menschen in der zerstörten Stadt Homs nicht wussten, wo sie hingehen können, wenn sie einen Arzt brauchen - und dass es nicht die geringste­ Aussicht auf einen Wiederaufbau ­einer Klinik gab.

Neu zu bauen, wurde ihm gesagt, dauere mindestens sechs Jahre. Das wollte er nicht akzeptieren. Seine hilfesuchende E-Mail kam beim Lübecker Architekturlehrstuhl an, als die Studentin Friede gerade auf der Suche nach ­einem Thema für ihre Masterarbeit bei ihrem Professor anklopfte. Sie sagte sofort zu: "Ich wusste, dass ich mit dem Projekt ein enormes Risiko eingehe. Aber es hat mich von der ersten Sekunde an gepackt. Es ist eine großartige Chance, für eine wirklich gute Sache zu arbeiten. Als Arzt macht man das jeden Tag, als Architektin habe ich diese Chance nicht so oft."