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Gesundheit:Wider den Körperwahn

Das Fußballspiel soll Freude aber nicht die Optimierung der Leistung bedeuten.

(Foto: Toni Heigl)

Schon viele Kinder plagt das Gefühl, nicht schlank, fit oder schön genug zu sein. Dieser Druck muss ihnen dringend genommen werden.

Wer jemals jung war und auch noch Fußball gespielt hat, kennt diese Szenen an den Seitenlinien kleindeutscher Rasenplätze. Da kickt die C-Jugend des SV Unterleumingen gegen den 1. FC Zupplingen, die Eltern aber schreien hinter dem Toraus, als spielte der FC Bayern gegen Atlético Madrid. Und wenn das Kind nicht schnell genug dribbelt und nicht stark genug schießt, dann fliegen Worte über den Platz, die hier keinen Raum finden sollen. Für die kleinen Fußballer wird schnell klar: Hier geht es nicht um Spaß, sondern um die Einsicht, dass ihr Körper nur so viel wert ist, wie er leistet.

Also Kinder, macht euch fit - schreiben die Jugendmagazine dieses Landes. Die Wette gilt, perfektioniert eure Körper! Das Problem ist nur: Wenn schon Schüler über Diätpläne nachdenken sollen, dann wird das nichts mit einem gesunden Verhältnis zum eigenen Körper. Wohin das führt, zeigt eine Umfrage der Jugendzeitschrift Bravo. Etwa die Hälfte der Mädchen und 30 Prozent der Jungen geben an, mit ihrem Körper unzufrieden zu sein. Besorgniserregende 78 Prozent der 11-bis 17-Jährigen sehen einen Zusammenhang zwischen Beliebtheit und "dünn sein".

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Warnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind erschütternd. Sie zählt allein im Alter bis zu fünf Jahren weltweit etwa 42 Millionen übergewichtige Kinder. Mediziner warnen vor Übergewicht in der Kindheit, da es schon früh zu Herzproblemen und Diabetes mellitus führen kann.

Deshalb ist es richtig, wenn Kinder dazu ermuntert werden, Smartphone gegen Fußball zu tauschen. Auch ist es richtig, wenn Ernährung im Schulunterricht zum Thema wird. Zum Problem für eine Gesellschaft aber wird es, wenn Kinder schon zu Beginn ihres Lebens das Gefühl bekommen, nicht schlank, nicht schnell und nicht schön genug zu sein. Wenn ihre Körper stattdessen den Ansprüchen von Eltern, Freunden und Youtube-Stars genügen müssen.

Das führt zu einem Druck, der sich in Selbstverletzung, Depression und Aggression entladen kann. Ein Blick in die Jugendpsychiatrien der Bundesrepublik genügt, um dieses Phänomen zu beobachten. Das Topmodel Kristina Pimenova übrigens, blondes, wallendes Haar, mit Aufträgen von Armani und Benetton, schreibt auf ihrem Instagram-Profil an ihre 1,4 Millionen Fans: "Denkt dran, Schönheit kommt von innen." Eigentlich ein schöner Satz. Nur ist das Model erst zehn Jahre alt.

© SZ vom 07.05.2016

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