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Gesundheit und Geschlecht:Der Schmerz der Frauen

Schmerz triftt Frauen und Männer auf unterschiedliche Weise. Das erstaunlichste Beispiel liefern Geschlechtsumwandlungen: Wird man von einer Frau zum Mann, kann sich chronische Pein verbessern. Die Gründe dieser Unterschiede erläutert Anästhesistin Miriam Schopper.

Von Andreas Glas

Miriam Schopper ist Anästhesistin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München.

SZ: Sind denn nun Frauen oder Männer empfindlicher bei Schmerzen?

Miriam Schopper: Es scheint, als ob Frauen empfindlicher sind. Die meisten Daten haben wir zu chronischen Schmerzen. Die Untersuchungen bisher zeigen mehrheitlich, dass Frauen häufiger betroffen sind. Es gibt aber auch Hinweise, dass sie stärker unter akuten Schmerzen leiden.

Kann man Schmerz überhaupt messen?

Man kann Schmerz schlecht objektivieren, weil es eine subjektive Empfindung ist. Man kann nur fragen: Wie stark empfinden Sie den Schmerz? Deshalb ist der Goldstandard bei der Schmerzmessung auch die Einschätzung des Schmerzes durch den Patienten selbst.

Ist es wirklich so, dass Frauen Schmerzen eher zugeben als Männer?

Es gibt tatsächlich Studien, die zeigen, dass Sozialisierung und Geschlechterrollen Einfluss haben auf das Schmerzempfinden. Je männlicher sich Probanden beschreiben, desto mehr Schmerzen ertragen sie im Experiment. Aber das ist bestimmt nicht der alleinige Grund dafür, dass Frauen ein höheres Risiko haben als Männer, dass Schmerzen nach Operationen chronisch werden.

Welche Gründe gibt es denn noch?

Wir kennen verschiedene Risikofaktoren dafür, dass postoperative Schmerzen chronisch werden. Abgesehen von der Art des Eingriffes sind das dauernde Schmerzen vor oder starke Schmerzen direkt nach der Operation. Außerdem sind psychische Faktoren - fühle ich mich sicher oder habe ich Angst - wichtig. Und wir wissen, dass Frauen häufiger Schmerzen haben und diese Schmerzen eher katastrophisieren.

Was meinen Sie damit?

Eine Trias aus Ohnmachtsgefühl, ständiger gedanklicher Auseinandersetzung mit dem Schmerz und der unbewussten Übertreibung des Problems. Während der eine "Das wird schon wieder" denkt, sagt sich ein anderer: "Ojemine, das wird bestimmt nie wieder gut." Je nachdem, in welcher Situation ich bin und wie ich mit Schmerz umgehe, empfinde ich ihn anders.

Inwieweit beeinflussen die Gene das Schmerzempfinden?

Wir wissen, dass genetische Variabilitäten bei Männern und Frauen unterschiedlich auf das Schmerzempfinden wirken. Und wir wissen, dass Hormone einen Rieseneinfluss haben, vor allem die weiblichen Geschlechtshormone. Diese können die Weiterleitung von Nervenimpulsen verstärken oder auch auf Rezeptoren im Gehirn wirken. Allerdings sind wir weit davon entfernt die genauen Mechanismen bei der Schmerzverarbeitung zu kennen.

Welche Erkenntnisse gibt es sonst noch?

Sehr wichtig sind sicherlich die Unterschiede bei Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten. Ganz spannend sind auch Beobachtungen bei Menschen, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich haben. Einzelne Fälle haben gezeigt: Wird man von einer Frau zum Mann, können sich chronische Schmerzen verbessern.

Erstaunlich.

Ja, aber man darf nicht vergessen, dass das genauso mit dem Gefühl zu tun haben kann, sich endlich im richtigen Körper zu befinden. Denn Schmerz kann auch Ausdruck von seelischem Leiden, ein Hauptsymptom einer Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung sein. Davon sind Frauen übrigens häufiger betroffen als Männer, auch das könnte also eine der Erklärungen dafür sein, dass Frauen häufiger unter Schmerzen leiden.

© SZ vom 06.12.2013
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