Süddeutsche Zeitung

Medizin:Eine App für das Leid von Krebskranken

  • Ein Onkologe aus München hat eine App entwickelt, mit der Kranke dokumentieren, wie sie sich fühlen und welche Beschwerden zunehmen.
  • So können sie zum Beispiel während einer ambulanten Chemotherapie außerhalb der regulären Konsultationen niederschwellig Kontakt aufnehmen.
  • Untersuchungen haben gezeigt, dass mithilfe von Smartphone-Apps früh erkannt werden kann, wenn sich der Zustand onkologischer Patienten verschlechtert.

Wer ein paar Stunden mit Andreas Trojan verbringt, sieht ihn immer wieder auf sein Handy starren. Im Gespräch, unterwegs, sogar abends beim Essen bearbeitet er das Gerät. Trojan ist weder internetsüchtig noch checkt er Geschäftstermine. Der Onkologe aus München, der seit Jahrzehnten in Zürich arbeitet, kümmert sich um Patienten. Die Krebskranken lassen ihn per Mobiltelefon wissen, wie es ihnen geht, ob die Übelkeit oder die Abgeschlagenheit zugenommen haben oder die Verdauung wieder mal verrückt spielt.

Einige Patienten melden sich noch per Kurznachricht oder E-Mail. Für immer mehr von ihnen haben Trojan und sein Team jedoch eine App entwickelt, in der die Kranken dokumentieren, wie sie sich fühlen und welche Beschwerden zunehmen oder gerade besonders lästig sind. "Sie kommen in regelmäßigen Abständen zu uns, aber mithilfe der App beziehen wir die Patienten auch zwischendurch ein", sagt der Arzt. "Während einer ambulanten Chemotherapie besteht so die Möglichkeit, außerhalb der regulären Konsultationen niederschwellig Kontakt aufzunehmen."

"Mindestens eine Patientin haben wir auf diese Weise retten können"

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass mithilfe von Smartphone-Apps früh erkannt werden kann, wenn sich der Zustand onkologischer Patienten verschlechtert oder unerwartete Nebenwirkungen auftreten. Die Kranken fühlen sich womöglich nur etwas schlapper als sonst, der Algorithmus erkennt hingegen, dass Luftnot, Schwäche und Magen-Darm-Beschwerden auf eine bedrohliche Komplikation hinweisen - und die Ärzte werden informiert. "Mindestens eine Patientin haben wir auf diese Weise retten können", sagt Trojan. "Die App hat uns alarmiert, dass wir eingreifen mussten. Von sich aus wäre die Dame an diesem Tag vielleicht nicht zum Arzt gegangen."

Das Beispiel zeigt, dass neue Technologien auch dabei helfen können, die Befindlichkeit der Kranken ernst zu nehmen und nicht zwangsweise zur Entfremdung und noch mehr Apparatemedizin führen. Nicht technische Parameter wie Laborwerte oder Röntgen-Befunde werden erfasst, sondern das Erleben der Kranken steht im Mittelpunkt. Weil es um die Wahrnehmung der Krankheit und ihr subjektives Erleben geht, sind die Patienten aufmerksamer für Veränderungen. "Es ist wichtig, dass die Patienten aktiv an der Behandlung teilnehmen und in weitere Entscheidungen eingebunden werden", sagt Trojan.

Die App für Patienten wurde bereits ausgezeichnet, weitere Projekte werden gefördert. An der Universitätsklinik Bonn haben Mediziner etwas Ähnliches entwickelt, um Bluter-Kranken dabei zu helfen, ein unabhängigeres Leben zu führen. Mit der App wird nicht nur ihr Befinden dokumentiert, sondern auch, wann sich die Kranken die fehlenden Gerinnungsfaktoren selbst gespritzt haben. "Die Vorteile sind immens. Zudem werden wir zeitnah informiert, wie sich die Patienten zu Hause selbst behandeln", sagt Blutexperte Johannes Oldenburg. Die Datenqualität sei zudem ungleich besser als bei der klassischen papiergeführten Dokumentation der Behandlung. Manchmal dient technischer Fortschritt eben auch dazu, eine Krankheit nicht nur passiv hinzunehmen, sondern aktiv an der Bewältigung teilzuhaben.

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SZ vom 22.09.2017/fehu
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