Psychotherapie Für psychisch Kranke fehlen Therapieplätze

Auch wenn eine Therapie dringend nötig ist, fehlen oftmals die Kapazitäten.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Seit 2017 hat jeder Patient das Recht auf eine Akutsprechstunde beim Therapeuten. Das hilft Menschen, die unter einer schweren psychischen Krankheit leiden.
  • 40 Prozent aller Patienten bekommen nach einer solchen Sitzung keinen Therapieplatz. Jeder dritte Patient wartet ein halbes oder ein Dreivierteljahr auf den Beginn einer tatsächlichen Therapie.
  • Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will veranlassen, dass künftig ausgewählte Ärzte und Therapeuten Patienten untersuchen, noch bevor sie eine Praxis besuchen.
  • Psychotherapeuten protestieren gegen eine solche Instanz, die über die Schwere der Krankheit entscheiden soll. Sie würde Patienten eher abschrecken.
Von Kristiana Ludwig, Berlin

Mitten im Gespräch klopft es an der Tür. Als der Psychotherapeut Matthias Bachmann öffnet, steht dort eine Frau, etwa 50 Jahre alt, und weint. Sie habe ihm vier Mal auf den Anrufbeantworter gesprochen, sagt sie. Bei drei anderen Therapeuten sei sie auch schon gewesen. Seit Monaten suche sie jetzt schon jemanden, der ihr hilft. Warum ruft Bachmann nicht zurück?

Manchmal, denkt er, da ist seine Arbeit einfach "brutal". Therapieplätze sind knapp in Deutschland. Zwar hat seit dem vergangenen Jahr jeder Patient ein Recht auf eine Akutsprechstunde beim Therapeuten. Doch nach diesem schnellen, ersten Gespräch folgt häufig trotzdem keine Hilfe. 40 Prozent aller Patienten bekommen nach einer solchen Sitzung keinen Therapieplatz, geht aus einer Auswertung der Bundespsychotherapeutenkammer von 240 000 Krankenkassendaten hervor. Ausgewählt wurden Patienten, die zwischen April und Juni 2017 erstmals in einer psychotherapeutischen Sprechstunde waren.

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Zwar hat die Akutsprechstunde gerade den Menschen geholfen, die unter einer schweren psychischen Krankheit leiden: Therapeuten behandeln sie schneller oder schicken manche von ihnen direkt in eine Klinik. Und dennoch warte heute jeder dritte Patient ein halbes oder ein Dreivierteljahr auf den Beginn einer tatsächlichen Therapie, sagt der Präsident der Kammer, Dietrich Munz.

Vielen Patienten geht es deshalb so wie der Frau an Bachmanns Praxistür: Sie besuchen mehrere Sprechstunden bei verschiedenen Therapeuten und haben am Ende doch keinen Erfolg. Bachmanns Praxis ist in Eberswalde, einer Kleinstadt am Rand der Uckermark. Bachmann hat seine Warteliste abgeschafft. Die Patienten stünden ja eh ein halbes Jahr darauf. An dem Tag, an dem die Frau vor seiner Tür steht, unterbricht er seine Sitzung. Er bittet sie ins Wartezimmer. Sie könne nicht mehr schlafen, sagt sie ihm, sich nicht konzentrieren. Sie habe ständig Angst und sie denke immer wieder an den Tod. Psychische Krankheiten können lebensgefährlich werden, das weiß Bachmann. Eine mittelschwere Depression kann sich ohne Behandlung zu einer schweren Form auswachsen. Und die gehört zu den häufigsten Ursachen für einen Suizid.

Damit Menschen mit schweren Erkrankungen schneller behandelt werden, will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nun veranlassen, dass künftig ausgewählte Ärzte und Therapeuten Patienten untersuchen, noch bevor sie eine Praxis besuchen. Es wäre eine Art Vorauswahl: Je schwerer das Problem, desto schneller gibt es einen Termin. Doch Psychotherapeuten protestieren gegen eine solche Instanz, die über die Schwere der Krankheit entscheiden soll. Sie würde Patienten eher abschrecken. Auch der Bundesrat und der Sachverständigenrat für Gesundheit lehnen so eine zusätzliche Hürde ab. Eine Petition gegen den Passus hat bereits mehr als 125 000 Unterzeichner. Stattdessen wünscht sich die Therapeutenkammer zusätzliche psychologische Praxen auf dem Land. Hier sollte es keine Grenze mehr geben, fordert Munz.

In Eberswalde beendet Therapeut Matthias Bachmann sein Wartezimmergespräch nach fünf Minuten. Er schickt die Frau wieder fort, wieder einmal mit schlechtem Gewissen. Aber seine Praxis ist voll.

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