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Gesundheit - Hannover:Klinikärzte in Niedersachsen fühlen sich oft überlastet

Deutschland
Ein Arzt hält ein Stethoskop in der Hand. Foto: Patrick Seeger/dpa/Archiv (Foto: dpa)

Hannover (dpa/lni) - Viele Klinikärzte in Niedersachsen arbeiten laut einer Umfrage des Marburger Bundes am Limit. Arbeitsbelastung, Zeitdruck und bürokratische Aufgaben machen Medizinern zu schaffen. 45 Prozent der Befragten erklärten, häufig überlastet zu sein, wie die am Freitag vorgestellte Studie der Ärztegewerkschaft ergab. Immerhin neun Prozent der Befragten gehen demnach sogar ständig über die eigenen Grenzen hinaus. "Wir brauchen mehr Ärzte, Kliniken sind das Rückgrat der medizinischen Versorgung", betonte der Vorsitzende des Marburger Bundes Niedersachsen, Hans Martin Wollenberg.

Mehr als jeder dritte Mediziner (35 Prozent) arbeitet der Umfrage zufolge jede Woche zwischen 9 und 29 Stunden mehr, mehr als 70 Prozent sehen ihre eigene Gesundheit beeinträchtigt - etwa wegen Schlafstörungen. 7 von 10 Ärzten seien mit den Arbeitsbedingungen nicht zufrieden - und auch 84 Prozent der Chefärzte.

"Wir sind nicht bereit, uns weiter verheizen zu lassen", machte der zweite Vorsitzende des Marburger Bundes in Niedersachsen, Andreas Hammerschmidt, klar. An den Unikliniken fielen im Schnitt 7,8 Überstunden je Arzt und Woche an. Jede dritte Klinik im Land erfasse nicht einmal die Arbeitszeiten.

An der Studie beteiligten sich im vergangenen September und Oktober mehr als 1200 angestellte Ärzte in Niedersachsen. Bundesweite Ergebnisse waren am Vortag vorgestellt worden. Demnach gab knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) an, häufig überlastet zu sein, jeder Zehnte sogar ständig. Um die Arbeitsbedingungen geht es auch in den laufenden Tarifgesprächen mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder für Ärzte in Universitätskliniken. Zu einer bundesweiten Kundgebung und einem ganztägigen Warnstreik am 4. Februar würden 2000 bis 3000 Ärzte aus ganz Deutschland erwartet.

"Wir brauchen dringend bessere Arbeitsbedingungen", sagte Hammerschmidt. Landesweit fehlten rund 700 Krankenhausärzte - nicht nur Landärzte, kritisierte Wollenberg. Eine Landarztquote sei eine Maßnahme, die "an einem Ende des Tuchs zieht. Die Lücke wird dann woanders größer". CDU und SPD in Niedersachsen verständigten sich am Freitag im Grundsatz auf eine Landarztquote zur Verbesserung der Versorgung auf dem Land.

Meta Janssen-Kucz, gesundheitspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, betonte dagegen, die Rahmenbedingungen in Medizinstudium und Arbeitsalltag der Ärztinnen und Ärzte müssten geändert werden: Die Studie des Marburger Bundes "spricht eine deutliche Sprache".

Der Umfrage zufolge sind bei rund 60 Prozent der Befragten mindestens zwei Stellen in den einzelnen Abteilungen nicht besetzt, bei fast 20 Prozent seien vier und mehr Stellen offen. Niedersachsen will zwar bis zu 200 neue Medizinstudienplätze schaffen. Aber: "Wir denken, dass das die unterste Grenze ist", betonte Wollenberg.

Ein großer Zeitfresser sei die Bürokratie. Laut Umfrage sind 58 Prozent der Ärzte nach eigenem Bekunden täglich drei Stunden oder auch deutlich länger mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt, die über die rein ärztliche Tätigkeit hinausgehen - etwa mit der Dokumentation. Fünf Stunden und mehr pro Tag koste dies mehr als jeden Zehnten. Drei von vier Ärzten wünschten sich mehr Unterstützung von der Verwaltung - "das erfolgt aber de facto nicht", sagte Hammerschmidt. Der Investitionsstau an Niedersachsens Kliniken betrage bis zu eine Milliarde Euro: "Das ist kein Zustand."

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