Gesundheit - Dresden:Experten halten Freigabe von Cannabis für falsch

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Ein Mann hält einen Joint in der Hand. Foto: Fabian Sommer/dpa/Illustration (Foto: dpa)

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Dresden (dpa/sn) - Mediziner warnen vor der geplanten Freigabe von Cannabis und sehen vor allem Kinder und Jugendliche gefährdet. Bis etwa zum 27. Lebensjahr könne Cannabis negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns haben, sagte Veit Roessner, Chef der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden, am Montag bei der Vorstellung einer neuen Therapie für junge Menschen mit Drogenproblemen.

Die Folgen des Cannabis-Konsums können für Heranwachsende dramatisch sein, hieß es. Die Droge begünstige psychische Störungen, unter anderem Psychosen, depressive Störungen, Angsterkrankungen sowie zusätzlichen Missbrauch von Alkohol und anderen illegalen Drogen. Regelmäßiger Cannabiskonsum vor allem im Jugendalter führe zur nachhaltigen Schädigung der kognitiven Leistungsfähigkeit - Aufmerksamkeitseinbußen und Gedächtnisstörungen könnten die Folge sein.

"Wir erleben natürlich in einer immer individualisierteren Gesellschaft auch das Thema Einsamkeit nicht nur bei älteren Menschen, sondern auch bei jungen Menschen", sagte Roessner zu den Ursachen von Cannabiskonsum. Es gebe eine größere werdende Gruppe Jugendlicher - zum Teil auch aus sogenannten guten Verhältnissen - die wegen zu viel Medienkonsums immer weniger Kontakte hätten und dann noch Cannabis konsumierten: "Das ist eine Kombination, die leider immer mehr zunimmt und auch in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden ist."

Roessner macht sich angesichts von Fachkräftemangel und einer hohen Schulabbrecherquote Sorgen, dass eine ganze Generation verloren geht, wenn man Suchtmittel wie Cannabis nicht mehr in den Griff bekommt und reglementiert. Nur mit Präventionsangeboten werde man der Lage nicht mehr Herr. Cannabis-Konsum setze immer früher ein, weil es schon ohne Legalisierung verfügbar sei. Wer weniger soziale Kontakte habe und weniger stabil sei, gerate leichter in Abhängigkeiten, die dann in einen Teufelskreis führen könnten.

Nach den Worten der Dresdner Oberärztin Yulia Golub konsumieren Mädchen und Jungen im Schnitt mit 13,7 Jahren zum ersten Mal Cannabis. Die Sucht werden von psychischen Störungen begleitet. Bei Mädchen seien das häufig affektive Störungen wie Depressionen und emotionale Instabilität. Mädchen würden sich häufig selbst verletzten. Bei Jungen sei oft auch das Sozialverhalten gestört.

Golub zufolge ist vor allem die Mediensucht in der Pandemie extrem angestiegen. In der Phase des Lockdowns hätten Jugendliche stärker unter Aufsicht gestanden und wären nicht so leicht an Drogen herangekommen. Es sei aber zu befürchten, dass die Auswirkungen mit einer Zeitverzögerung deutlich würden. Sucht sei häufig nur die Spitze des Eisberges. Oft sei schon vorher viel passiert. Schüler, die sowohl familiär als auch schulisch gut aufgehoben seien, würden möglicherweise Substanzen probieren, aber nicht süchtig werden. Die Umgebung spiele eine zentrale Rolle.

Die Experten des Dresdner Universitätsklinikums stellten am Montag gemeinsam mit Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) Ergebnisse eines Forschungsprojektes vor, aus dem ein Therapieplan für Kinder und Jugendliche sowie ein Handbuch entstand. Es soll Kollegen in ganz Deutschland unterstützen, vier Ziele zu erreichen: den Drogenkonsum zu verringern, konsumfreie Phasen aufzubauen, eine dauerhafte Abstinenz zu erreichen und eine eigenen Lebensgestaltung hinzubekommen. Eltern sind in die Therapie eng eingebunden. Sachsen unterstützte die Forschung mit mehr als 500 000 Euro.

Nach Ansicht von Wissenschaftsminister Gemkow würden alle Bemühungen aber durch die geplante Cannabis-Legalisierung konterkariert. "Mit einem erleichterten Zugang zu Cannabis, letztlich auch für Jugendliche, ist eine weitere Zunahme des Therapiebedarfs in diesem Feld zu befürchten."

© dpa-infocom, dpa:220207-99-14590/3

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