Gesichtstransplantation Der Mann mit dem zweiten Gesicht

10. Juni 2016 Andy Sandness (r.) mit seinem Vater , Reed Sandness und dem Arzt Samir Mardini vor der Transplantation

(Foto: AP)

Nach einem Suizidversuch war Andy Sandness völlig entstellt - und verkroch sich aus Scham. Nun wurde ihm erfolgreich ein neues Gesicht transplantiert.

Andy Sandness hat lange auf diesen Tag gewartet. Als sein Arzt ihm einen Spiegel vorhält, blickt der Patient in das Gesicht eines Fremden. Der 31-Jährige hat eine der weltweit seltensten Operationen hinter sich: eine Gesichtstransplantation, die erste in der renommierten Mayo Clinic in Rochester im US-Staat Minnesota.

Sandness' Vater und Bruder beobachten zusammen mit Ärzten und Krankenschwestern gespannt, wie der junge Mann auf sein neues Spiegelbild reagiert. Er hat Nase, Wangen, Mund, Kiefer, Kinn und sogar die Zähne von seinem Spender erhalten. Noch kann er in seinem Krankenbett nicht deutlich sprechen, doch er hat etwas zu sagen: "Weit über meinen Erwartungen", schreibt er auf einen Notizblock. Der Chirurg Samir Mardini liest die Botschaft laut vor und antwortet dem Patienten, der im Laufe der vergangenen zehn Jahre für ihn zum Freund wurde: "Du weißt nicht, wie glücklich uns das macht."

"Bitte, bitte lassen Sie mich nicht sterben!"

Die Transplantation markiert das Ende einer ungewöhnlichen medizinischen Reise. Diese nahm ihren Anfang kurz vor Weihnachten 2006, als der damals 21-jährige und schwer depressive Sandness beschloss, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Er überlebte, allerdings wurde sein Gesicht fast zerstört.

Sandness wusste sofort, dass er einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Schon beim Eintreffen der Polizei in seiner Wohnung im US-Staat Wyoming flehte er die Beamten an: "Bitte, bitte lassen Sie mich nicht sterben!"

Er wurde in zwei Krankenhäusern behandelt und dann in die Mayo-Klinik verlegt. Dort traf er auf den plastischen Chirurgen Mardini, einen Spezialisten für die Rekonstruktion von Gesichtern. Der Patient hatte keine Nase und keinen Kiefer mehr, sein Mund war zertrümmert, nur noch zwei Zähne waren erhalten. Mardini und sein Team bauten Sandness' Ober- und Unterkiefer wieder auf, mit Knochen, Muskeln und Haut von der Hüfte und einem Bein. Die Ärzte verbanden die Gesichtsknochen mit Titanplatten und Schrauben.

Nach etwa acht Operationen in viereinhalb Monaten kehrte Sandness in seinen Heimatort Newcastle zurück, wo er von Familie und Freunden herzlich empfangen wurde. Er arbeitete in einem kleinen Hotel, in der Ölindustrie und ging bei einem Elektriker in die Lehre. Doch seine Welt war zusammengeschrumpft. Beim Einkaufen mied er den Augenkontakt mit Kindern, um diese nicht zu erschrecken. Der junge Mann hatte fast kein Sozialleben. Häufig zog er sich um Jagen und Angeln in die Berge zurück.