Geschlechtskrankheiten:Engpässe beim Syphilis-Medikament

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Erreger der Syphilis

Treponema pallidum, der Erreger der Syphilis: Die Aufnahme zeigt die rot eingefärbten Spiralbakterien zwischen Gewebe (grün) und Zellkerne (blau).

(Foto: PD Dr. Annette Moter; Charite/dpa)

Zehntausende Ungeborene sterben jedes Jahr, weil sich Frauen mit Syphilis infizieren. Ein Medikament könnte helfen, doch es wird zu wenig davon produziert.

Von Kai Kupferschmidt

Manchmal ist es schon eine gute Nachricht, wenn sich nichts ändert. Als die Weltgesundheitsorganisation WHO kürzlich neue Richtlinien zur Behandlung der Syphilis veröffentlichte, fiel vor allem auf, wie wenig daran neu war. Während andere Krankheiten wie Gonorrhö mit Antibiotika immer schwerer in den Griff zu kriegen sind, lässt sich Syphilis nach wie vor mit einer einzigen Dosis Penicillin behandeln.

Doch der Report rückte noch etwas in den Fokus, das sich nicht geändert hat und über das selten gesprochen wird: Noch immer übertragen Hunderttausende schwangere Frauen den Syphilis-Erreger auf ihr ungeborenes Kind. Das spiralförmige Bakterium Treponema pallidum breitet sich dann im Fötus aus, und es beginnt ein Kampf mit dem heranwachsenden Immunsystem. Oft mit furchtbaren Konsequenzen. Im August hat das Fachblatt Lancet Schätzungen für das Jahr 2012 veröffentlicht. Demnach sind wegen Syphilis 143 000 Embryos während der Schwangerschaft gestorben oder tot auf die Welt gekommen, weitere 62 000 Babys starben kurz nach der Geburt.

Andere Kinder überleben, sind aber blind, taub oder leiden unter schweren Entwicklungsstörungen. "Sie haben bei Syphilis das gleiche Problem wie bei Zika, nur in viel höherem Ausmaß", sagt Norbert Brockmeyer, der an der Universität Bochum das Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin leitet.

Syphilis klingt für viele Menschen nach 19. Jahrhundert. Doch noch immer infizieren sich jedes Jahr Millionen mit der sexuell übertragbaren Krankheit. In Deutschland hat die Zahl der Erkrankungen in den vergangenen Jahren sogar stark zugenommen. 2009 wurden dem Robert Koch Institut 2735 Fälle gemeldet, 2015 waren es 6834 Fälle. Weil hierzulande jede schwangere Frau auf den Erreger getestet wird, kommt es aber nur selten zu Fällen, in denen die Krankheit von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen wird.

Das sollte inzwischen auf der ganzen Welt so sein, sagt Jeffrey Klaussner, Epidemiologe an der University of California in Los Angeles. Schließlich gebe es einen einfachen Test und ein gutes Medikament, die zusammen weniger als einen Dollar kosten. Die WHO hatte schon 2007 das Ziel ausgegeben, die Syphilis bei Schwangeren bis 2015 zu besiegen. Doch die Pläne sind gescheitert. "Was fehlt, ist der politische Wille", sagt Klaussner.

Tatsächlich bekommt Syphilis nicht die Aufmerksamkeit, die andere Krankheiten erhalten. Die meisten Länder hätten in der Vergangenheit Programme gehabt, um Syphilis bei Schwangeren zu bekämpfen, sagt Sarah Hawkes, die am University College London forscht. Doch in den 80er-Jahren wäre die Aufmerksamkeit dann auf das Thema HIV übergegangen. "Syphilis ist einfach von der Tagesordnung verschwunden", sagt Hawkes. Heute sind mehr Babys von Syphilis betroffen als von HIV. Und die Welt spricht inzwischen vor allem über Zika.

Nun führt ausgerechnet die Zika-Epidemie dazu, dass Syphilis etwa in Brasilien wieder zum Thema wird. Um sicherzugehen, dass das Zika-Virus Ursache angeborener Fehlbildungen ist, müssen die Ärzte andere Ursachen ausschließen, und dazu gehört vor allem Syphilis. "In Brasilien werden jetzt viel mehr Frauen auf Syphilis getestet, und so werden auch mehr Fälle gefunden", sagt Melanie Taylor von der WHO. Schon 2013 hatte das brasilianische Gesundheitsministerium mehr als 21 000 Syphilisfälle bei Schwangeren registriert. 2014 waren es sogar etwa 28 000.

Eine Injektion genügt, um die Mutter zu heilen und das ungeborene Kind zu retten

Im Gegensatz zu Zika gibt es für Syphilis eine Therapie. Eine einzige Injektion des Medikaments Benzathin-Benzylpenicillin reicht in aller Regel, um die Mutter und das ungeborene Kind zu behandeln. Doch seit Jahren kommt es immer wieder zu Lieferschwierigkeiten und Engpässen.

Ärzte ohne Grenzen etwa hat seit mehr als einem Jahr kein Benzathin-Benzylpenicillin zur Verfügung, sagt Debbie Price, die bei der Hilfsorganisation arbeitet. Statt mit einer Injektion müssten Frauen nun 14 Tage mit einem Ausweich-Antibiotikum behandelt werden. Das erhöhe die Gefahr, dass die Therapie nicht beendet wird, sagt Price. "Und weil wir nicht wissen, ob das genauso wirksam ist, müssen wir zur Sicherheit nach der Geburt auch das Baby behandeln."

In den USA warnte die Pharmafirma Pfizer dieses Jahr, sie könne keine ausreichende Menge des Mittels liefern. Die US-Seuchenschutzbehörde bat Ärzte daraufhin, das Medikament nur bei schwangeren Frauen einzusetzen und bei anderen Patienten Alternativen zu nutzen. Auch in vielen Ländern Europas inklusive Deutschland sei das Medikament vergangenes Jahr länger nicht erhältlich gewesen, sagt Brockmeyer. "Wir brauchen eine Vorgabe gerade für bestimmte Antibiotika, dass die einfach verfügbar sein müssen."

Ein Problem ist, dass das Arzneimittel alt und billig ist und Pharmafirmen deshalb kaum noch interessiert, sagt Taylor, die zurzeit die Lieferengpässe untersucht. Die Zahl der Firmen, die Penicillin herstellen, hat deutlich abgenommen. Gab es in den 90er-Jahren noch zehn oder mehr, sind es heute nur noch vier - drei in China und eine in Österreich -, die Unternehmen wie Pfizer mit dem Antibiotikum beliefern. Hat eine dieser Firmen Probleme, macht sich das sofort weltweit bemerkbar. Hinzu kommt, dass manche Länder den Bedarf unterschätzen und schlicht nicht genug von dem Medikament bestellen. Die Gründe für die Engpässe seien komplex, und deshalb gebe es auch keine einfache Lösung, sagt Taylor. "Es ist frustrierend."

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