Geschlecht und Gesundheit Der große Unterschied

Körperbau, Hormonsystem aber auch soziale Faktoren beeinflussen, wie unterschiedlich Männer und Frauen erkkranken.

Männer sind anders krank als Frauen. Ärzte behandeln ihre Patienten anders als Ärztinnen. Die Folge können fatale Missverständnisse sein. Doch die Erkenntnisse der Genderforschung setzen sich in der täglichen Praxis nur langsam durch.

Von Berit Uhlmann

Nagen Sorgen an der Seele des Mannes, bedient er sich am Schnapsregal. Was nach simplem Rollenklischee klingt, ist in vielen Fällen noch immer real - und kann in die Katastrophe führen. Männer schweigen, murren, fluchen, streiten oder prügeln sich. Sie teilen dagegen nur selten mit, wenn sie sich schon vor dem Aufstehen bleischwer fühlen, wenn das Leben ihnen leer und Freude unerreichbar scheint. Depressionen werden bei ihnen längst nicht immer erkannt. Die Krankheit bleibt unbehandelt und lässt das Risiko für Suizide steigen.

Forscher erkennen zunehmend, dass Männer und Frauen nicht immer auf die gleiche Weise erkranken. Häufigkeit, Verlauf, Behandlungserfolg und persönliche Bewältigungsstrategien von Krankheiten können enorm differieren. So leiden Frauen dreimal häufiger unter rheumatoider Arthritis, die Beschwerden treten bei ihnen durchschnittlich zehn Jahre früher auf. Männer haben seltener Gallensteine, aber wenn es sie trifft, erleben sie öfter Komplikationen. Frauen reagieren auf Schmerzen sensibler und ängstlicher, die Pein wird bei ihnen eher chronisch. Die Liste der Beispiele ist lang.

Die Faktoren, die zu ihrer Entstehung führen, sind vielfältig; sie können sich gegenseitig beeinflussen und sind längst noch nicht alle im Detail verstanden. Doch dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen eine große Bedeutung für die Medizin haben, stand außer Frage, als Experten auf dem SZ-Gesundheitsforum im Münchner Klinikum rechts der Isar über die Gendermedizin diskutierten.

Bauchfett gefährdet Frauen mehr als Männer

Einige der Unterschiede bringt die Biologie mit sich. Hormone schützen beispielsweise die meisten Frauen im gebärfähigen Alter vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und doch kann die Lebensweise der Natur ins Handwerk pfuschen. Legen Frauen enorm an Gewicht zu, steigt ihr Risiko für Herzleiden deutlich, erläutert Petra-Maria Schumm-Draeger, Chefärztin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Angiologie am Klinikum München-Bogenhausen. Gefährlich wird ihnen vor allem das Bauchfett; es produziert Substanzen, die den Stoffwechsel negativ beeinflussen. Damit steigt das Risiko für ungünstige Blutfette, für Bluthochdruck und hohe Blutzuckerwerte.

Jedes dieser Phänomene ist allein schon ein Risikofaktor für die Gesundheit, kommen sie zusammen, sprechen Mediziner vom Metabolischen Syndrom. Dieses Symptombündel lässt wiederum die Gefahr für Diabetes steigen. Am Ende dieser Entwicklung droht - bei den angeblich geschützten Frauen noch mehr als bei Männern - eine koronare Herzkrankheit. Die Prognose ist dann bei Frauen wesentlich ungünstiger. Ein Herzinfarkt führt bei ihnen häufiger in den Tod. "Obwohl Übergewicht immer mehr zunimmt, sind diese Zusammenhänge längst nicht allen Betroffenen und selbst manchen Ärzten nicht bewusst", sagt die Medizinerin.