Geschichte des Stethoskops Hörende Heilkunde

So stellt man sich noch immer einen Arzt vor: Filmszene aus den 1930er Jahren.

Das Stethoskop ist fast 200 Jahre alt, klinisch unentbehrlich und das ärztliche Statussymbol schlechthin. Nun fordern New Yorker Mediziner, das Hörrohr ins Museum zu verbannen. Sind die noch bei Trost?

Von Werner Bartens

Der kalte Metallring mit der dazwischen eingespannten Membran berührt die Haut. Alles ist still, der Patient muss die Luft anhalten. Ein nahezu feierlicher Augenblick. Der Kranke horcht in sich hinein, der Arzt in den Kranken. Es ist ein untrügliches Zeichen für den Patienten, dass sich ihm der Arzt jetzt zuwendet und die körperliche Untersuchung beginnt. Sobald das Stethoskop aufsetzt, sind Arzt und Patient einander nahe. Es ist zwar keine Nabelschnur, die beide verbindet, aber dennoch stiftet das schlichte Hörrohr eine geradezu intime Nähe: Zwei Ohrenstöpsel, zwei Schläuche, und eben der Kopf mit Glocke und Membran, mehr nicht. Um den Patienten abzuhören, muss ihm der Arzt zu Leibe rücken, trotzdem bleibt eine geringe Distanz gewahrt.

Und für den Doktor selbst? Es ist für jeden Medizinstudenten eine wichtige Initiation auf dem Weg zum Arzt, wenn er das erste Mal einen Patienten mit dem Stethoskop untersucht. Ein einfaches Instrument gibt erstaunlich viel Aufschluss darüber, was sich im Innern des Kranken abspielt. Am Anfang ist da nur ein lautes Rauschen zu hören. Sind das Herz und Lunge? Oder sitzen die Stöpsel nicht richtig im Ohr, und die Membran schabt an der Wäsche des Patienten oder am üppigen Brusthaar? Und vor allem: Wie sollte sich das eigentlich anhören?

Es ist ein beeindruckendes Erweckungserlebnis für einen Mediziner, wenn sich aus dem diffusen Klangbrei plötzlich eindeutig die Herztöne heraushören lassen, wenn Lungengeräusche in "grobblasig" oder "fauchend" unterschieden werden können und nach einiger Übung zu hören ist, dass eine Herzklappe verengt ist oder nicht mehr richtig schließt. Könner mit geschulten Ohren hören diese Veränderungen der Herzmorphologie genauer, als es im Ultraschall zu sehen ist. Dabei ist die Entdeckung dieses ebenso simplen wie hilfreichen Instruments vor allem dem Zufall - und einem sittsamen Arzt - zu verdanken.

Der Legende nach waren es vor dem Louvre spielende Kinder, die René Théophile Marie Hyacinthe Laennec an einem Nachmittag im Oktober 1815 auf die Idee brachten. Der junge Arzt spazierte vor dem Museum entlang, als er sah, wie ein Junge mit einem Nagel am Ende eines Astes herumkratzte. Seine Spielkameraden hatten ihre Ohren auf das andere Ende des Astes gelegt und freuten sich über die Geräusche, die vom Holz übertragen wurden und die sie auf diese Weise hören konnten.

Ein paar Monate später fiel Laennec diese Beobachtung wieder ein, als er ans Krankenbett gerufen wurde. Er hatte erst vor kurzem eine Stelle am berühmten Hôpital Necker angetreten, als ihn eine herzkranke Patientin vor unlösbare Aufgaben zu stellen schien. "Auf Grund des Ausmaßes ihrer Leibesfülle" wäre es wenig ergiebig für die Diagnose gewesen, die junge Frau abzuklopfen oder ihr gar die Hand auf die Brust zu legen.