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Geschichte der Malariaforschung:Berüchtigter Mörder forschte an Malaria

Die Dämme brachen ganz, als der Zweite Weltkrieg begann und Soldaten auch in Malaria-Gebieten kämpften. "Das wird ein sehr langer Krieg werden, wenn für jede Division, die ich gegen die Japaner kämpfen lasse, eine weitere mit Malaria im Lazarett liegt und eine dritte sich in Neuseeland erholen muss", sagte Douglas MacArthur, amerikanischer Oberbefehlshaber im Pazifikkrieg, 1942. Ein Jahr später machte die Malaria in seinen Truppen achtmal mehr Soldaten kampfunfähig als feindliche Angriffe. Damals war längst klar: Wer die Malaria besiegt, hat auch den Krieg gewonnen.

Unter dieser Prämisse begannen die USA 1941 ein gigantisches, streng geheimes Forschungsvorhaben. Die Wissenschaftsautorin Karen Masterson vergleicht es in ihrem aktuellen Buch "The Malaria Project" mit dem Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe. Es schweißte in einem "nie dagewesenen Maße" Medizin und Industrie zusammen, schreibt die Pharmazeutin Ute Jutta Götz in ihrer Abhandlung "Im Wettlauf gegen das Wechselfieber". Hunderte der besten Wissenschaftler des Landes forschten in Laboren und in Spitälern. Allerdings verloren die Tropenmediziner bald das Interesse an den Geisteskranken, bei denen Grundkrankheit und Nebenwirkungen der Experimente nicht immer klar zu unterscheiden waren. Und so begann ein weiteres bizarres Kapitel der Malaria-Forschung.

Menschenversuche im KZ

Spitzenforscher der USA schlugen ihre Labore in Gefängnissen auf. Sie offerierten Schwerverbrechern den Obolus von 50 Dollar, sechs Monate Straferlass und eine Urkunde, die ihnen bescheinigte, Bedeutendes für die Menschheit geleistet zu haben. Die Leistung der meisten bestand im Erdulden von Fieberschüben und Medikamenten mit unklaren Nebenwirkungen. Einige assistierten bei einfachen Laborarbeiten; ein Häftling forschte selbst. Er entwickelte eine statistische Methode zur Auszählung der Malaria-Parasiten in Blutproben, die es bis zur wissenschaftlichen Veröffentlichung brachte.

Dass sein Name auf dem Artikel fehlte, war wohl bedacht: Der Autor war der berüchtigste Mörder seiner Zeit. Nathan Leopold hatte mit einem Freund ein Kind ermordet, nur um zu sehen, ob sie ungeschoren davon kommen würden. "Verbrechen des Jahrhunderts", nannten Zeitungen die Tat; Alfred Hitchcock verfilmte sie in "Cocktail für eine Leiche". Für den Mörder wurde das Malaria-Projekt zur Chance seines Lebens. Er schmeichelte sich bei den Forschern ein, ließ sich Empfehlungsbriefe schreiben, berichtete in den Medien wortreich von seinen Verdiensten für die Wissenschaft. Es zahlte sich aus. Seine lebenslange Haftstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Deutschland trieb seine menschenverachtende Forschung noch weiter. 1942 begann der Mediziner Claus Schilling Menschenversuche im KZ Dachau. Etwa 1200 Insassen infizierte er mit Malaria, zwischen 300 und 400 von ihnen starben, schreibt die Historikerin Marion Hulverscheidt in der Aufsatzsammlung "Man, Medicine and the State". Am Kriegsende - er war 74 Jahre alt - saß Schilling mit seinen Kladden voller Forschungsdaten noch immer in Dachau und hoffte, die Fachwelt sei an seinen Erkenntnissen interessiert. Das war sie nicht, der Mediziner wurde 1946 hingerichtet.