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Geschichte der Malariaforschung:Menschenversuche um den Mückenstich

Luftwaffen-Lazarett in der Wüste, 1942

Das Afrikakorps hatte wie viele andere Armeeeinheiten mit Malaria zu kämpfen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Syphiliskranke, Straftäter und Soldaten mussten für Versuche herhalten: Die Kriege des 20. Jahrhunderts befeuerten die Malaria-Forschung auf teils perfide Weise. Jetzt könnte die verzweifelte Suche einen lange ersehnten Erfolg haben.

Artilleriefeuer grollte über die steinige Landschaft im Nordwesten Tunesiens. Es war im Frühjahr 1943, die amerikanischen Truppen versuchten dem deutschen Afrikakorps den strategisch wichtigen Hügel 609 zu entreißen. Doch inmitten von Granaten, Geröll und Grauen musste die Hälfte der US-Soldaten innehalten: Die Männer spien das Truppenessen auf die Uniformen, krümmten sich unter Bauchkrämpfen und Durchfällen. Sie kämpften mit Atebrin, dem einzigen Medikament zur Malaria-Prophylaxe, über das die US-Armee damals verfügte und das sie schlechter zu dosieren wusste als die Wehrmacht. Es zog den Amerikanern heftiger den Magen zusammen, löste bisweilen Psychosen aus oder Ausschläge, die Haut schälte sich in großen Stücken vom Körper.

Jahrtausendelang hatte der Mensch wenig bis gar nichts Verträgliches zur Verfügung, um sich vor dem Wechselfieber zu schützen. Jetzt, 2015, könnte erstmals ein Impfstoff zugelassen werden. Es wäre ein Meilenstein in einer langen, von Kriegen und Gräuel geprägten Suche.

Die grausamen Kapitel begannen in den Spitälern des frühen 20. Jahrhunderts, wo Syphiliskranke ihrem Ende entgegen dämmerten. Die Geschlechtskrankheit hatte auf ihr Nervensystem übergegriffen, lähmte, verwirrte, enthemmte die Patienten. Sie bekamen manchmal auch Fieber und ihre Ärzte bemerkten verwundert, dass sich die Neurosyphillis anschließend oft besserte. Könnte man sich diesen Umstand nicht zunutze machen?

Der Wiener Psychiater Julius Wagner-Jauregg wagte es. Er infizierte Syphilitiker mit dem Blut von Malariakranken, auf dass die Geisteskranken hohes Fieber bekamen. Wurde die Fieberkur frühzeitig begonnen, ließ sie fast 85 Prozent der Patienten von der Neurosyphilis genesen, resümierte Jauregg, als er 1927 den Nobelpreis für Medizin entgegennahm. Die Auszeichnung adelte die Methode - und ließ Tropenmediziner aufmerken.

Syphiliskranke als Ersatz für Labortiere

Denn wer sich mit Malaria befasste, stand vor dem Problem, dass die üblichen Labortiere nur schwerlich zur Erforschung der Krankheit taugten. Die verwirrten Opfer der Lustseuche, von beschämten Familien in Asylen versteckt und vergessen, waren nun hochwillkommen. Die Psychiater hätten hier "ein Material in Fürsorge", das ihnen auch "manche Fragen der Malariabehandlung zu studieren erlaubt", schrieb der deutsche Nervenarzt Franz Sioli 1926. Mit "Material" meinte er Menschen.

In England, Deutschland und den USA zogen Tropenmediziner durch die Spitäler, um die dementen Syphilis-Kranken mit Malaria zu infizieren. Und es dauerte nicht lange, bis Jaureggs strenge Standards aufgeweicht wurden. Bald wurde nicht mehr kontrolliertes, infiziertes Blut übertragen, sondern es wurden "Mückenställe" errichtet und die Probanden Hunderten von Insektenstichen ausgesetzt. Wenig später wurden nicht nur Syphilis-Patienten, sondern auch andere Geisteskranke mit Malaria infiziert, obwohl sie, nach allem was man selbst damals schon wusste, nicht von der Fieberkur profitierten.

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