Süddeutsche Zeitung

Chemie:Forscher, die an Füßen riechen

  • Chemisch betrachtete ist Fußgeruch ein komplexes Gemisch aus zahlreichen Aromen.
  • Der Muff entsteht durch Bakterien, die Schweißingredienzien und Hautschuppen zu Essigsäure, ranzig riechender Buttersäure und zu Valeriansäure umbauen.
  • Dass Menschen bei Fußgeruch die Nase rümpfen, ist jedoch nicht naturgegeben, sondern folge aus Erziehung, Kultur und Erfahrungen.

Wer nach Abend entspannt die Füße hochlegen möchte, muss oft einen Angriff auf die Nase verkraften. Der Duftcocktail, der einem beim Schuheausziehen entgegen dampft, ist eher zum Abgewöhnen. Er mag in Nuancen und Intensität individuell verschieden sein, doch vier Miefnoten sind immer vertreten: Schweiß, Käse, Essig und fauliger Kohl. Produziert werden die Aromen von Bakterien, die sich besonders zahlreich an den Fußsohlen tummeln, wo ihnen ein üppiges Nährstoffbüfett aus toten Hautzellen und Schweiß zur Verfügung steht. Im feuchtwarmen Klima geschlossener Schuhe fühlen sie sich besonders wohl.

Hautzellen und Schweiß an sich sind praktisch geruchlos. Sogenannte apokrine Schweißdrüsen, die etwa unter den Achseln auch direkt Duftstoffe freisetzen, gibt es an den Füßen nicht. Fußgeruch entsteht, wenn Bakterien, vor allem kugelige Staphylokokken, Schweißingredienzien und Hautschuppen zu Essigsäure, ranzig riechender Buttersäure und zu Valeriansäure umbauen. Letztere hat ein schweißig-käsiges Aroma, ist schon in winzigen Dosen wahrnehmbar und gilt als unverkennbarer Leitduft für Käsemauken.

Dass müffelnde Füße so genannt werden, hat übrigens einen Grund: Das Aroma von Käsesorten wie Limburger, Harzer Käse oder Blue Stilton wird durch einen ähnlichen Säuremix bestimmt. Die faulig riechende Kohlnote von Fußgeruch wiederum ist einer schwefelhaltigen Substanz namens Methanthiol geschuldet, die ebenfalls ein Produkt bakterieller Abbauprozesse und außerdem in Kaffee, Gebäck und Austern enthalten ist. Offenbar bestimmen hier Dosis und Mischung den Stinkfaktor.

Manche Menschen nehmen das Gemüffel einfach nicht wahr

"Gerüche sind sehr komplex, und wie wir sie bewerten, hängt auch vom Kontext ab", sagt Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum. Dass Menschen bei Fußgeruch die Nase rümpfen, sei nicht naturgegeben, sondern folge aus Erziehung, Kultur und Erfahrungen. "Fußgeruch wird nun mal üblicherweise mit mangelnder Hygiene verbunden." Zeige man Probanden zum Fußgeruch ein Stück Käse, fänden viele den Duft sogar ganz angenehm.

Bevor das Gehirn eine Geruchsinformation bewertet, müssen allerdings erst entsprechende Duftmoleküle den passenden Rezeptor in der Nase belegen. Den Rezeptor für Fußgeruch hat Hatts Team identifiziert. Die Forscher hatten dazu Menschen untersucht, die Käsefüße nicht riechen können und bei denen ein Rezeptor an entscheidenden Stellen genetische Mutationen aufwies. Das Wissen soll helfen, eine Art Anti-Duft zu finden, der diesen Rezeptor blockiert.

Als wirksame Gegenmittel gelten außerdem luftiges Schuhwerk, Socken aus Naturfasern, Fußpuder und die Leitdüfte von Zitrone und Rose Citral beziehungsweise Geraniol, die ein an der Geruchsentwicklung beteiligtes Enzym außer Gefecht setzen sollen. Und womöglich helfen psychologische Tricks bei der Geruchsbewältigung: etwa die Visualisierung eines leckeren Käses oder der Gedanke daran, dass Fußbakterien auch Gutes tun. Immerhin versorgen die Winzlinge die Haut mit pflegenden Ölen und mit Substanzen, die vor Infektionen schützen. Deshalb ist auch Obacht geboten, wenn die eigenen Füße plötzlich anders müffeln. Dann könnte die Mikrobenflora aus dem Gleichgewicht geraten sein und sich zum Beispiel eine Pilzinfektion anbahnen.

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Quelle:
SZ vom 13.05.2019/hach
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