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Geplantes Antikorruptionsgesetz:Im Fokus: Kontrastmittel

Besonders interessant wäre es für die Kassen wohl, einmal die Verschreibung von Kontrastmitteln näher zu betrachten. Unter den Medikamenten mit den umfassendsten AWB sind nämlich nicht nur extrem teure Präparate oder solche mit heftiger Konkurrenz besonders stark vertreten, sondern auch Mittel, die beim Röntgen im Computertomographen oder aber im Magnetresonanz (MR)-Tomographen zu einer besseren Darstellung des Körperinneren beitragen sollen. Gleich sieben Kontrastmittel finden sich unter den Top Ten. Sie sollten insgesamt rund 500 000 Patienten verschrieben werden (siehe Tabelle). Dabei ist der Spitzenreiter Xenetix des Herstellers Guerbet gleich für 150 000 Patienten gedacht, Dotarem (ebenfalls von Guerbet) für 135 000 und MultiHance von Bracco für 69 000 Patienten.

Top-Präparate nach Patienten

1. Xenetix: 150 000 Patienten

2. Dotarem: 135 142 Patienten

3. MultiHance: 68 691 Patienten

4. Antikoagulanzien: 50 200 Patienten

5. Magnegita: 45 000 Patienten

6. Imeron: 40 146 Patienten

7. Lucentis: 35 000 Patienten

8. Iopamigita: 30 000 Patienten

9. Visipaque: 26 500 Patienten

10. Pegasys: 23 136 Patienten

Die Firmen kämpfen um relativ wenige Röntgenärzte, die Kontrastmittel anwenden

Pro Patient bekommt der Arzt hier jeweils nur eine überschaubare Summe, in der Regel zwischen zehn und 35 Euro. Aber das läppert sich. "Kleinvieh macht eben auch Mist", sagt Bernd Mühlbauer von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Wenn ein Arzt genügend Patienten mit dem gewünschten Kontrastmittel behandelt, können leicht Tausende Euro zusammenkommen. "Das heißt, dass die Verwendung dieses Röntgenkontrastmittels mit Sicherheit mit einem gewissen Zusatzgewinn für den Arzt verbunden ist", so Mühlbauer.

Die 150 000 Xenetix-Patienten zum Beispiel sollen der Planung von Guerbet zufolge genau 183 Ärzte behandeln. Das macht schon bei zehn Euro pro Patient (der Hersteller gibt zehn bis 20 Euro an) für jeden Arzt einen Zusatzverdienst von 8 200 Euro.

Aber warum ausgerechnet Kontrastmittel? "Das ist ein hart umkämpfter Markt mit klarer Zielgruppe", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des Arznei-Telegramms. Die Firmen kämpfen um relativ wenige Röntgenärzte, die Kontrastmittel anwenden. Sachliche Argumente für das eigene Produkt sind aber schwierig, denn die Mittel sind sehr vergleichbar. Es "ergibt sich für alle derzeit verwendeten MR-Kontrastmittel eine ähnlich hohe Sicherheit mit nur geringer Anzahl von Nebenwirkungen, die meist auch nicht relevant waren", heißt es zum Beispiel im "Atlas der MR-Angiographie".

Ein Erkenntnisgewinn aus den AWB sei eher nicht zu erwarten, sagt deshalb der Essener Radiologe Karlgeorg Krüger - auch weil die Mittel oft schon seit Jahrzehnten zugelassen sind und seither an Millionen Patienten angewendet wurden. "Es gibt nur sehr wenige Zwischenfälle mit Kontrastmitteln", sagt Krüger, der auch Mitglied bei Mezis, der Initiative unbestechlicher Ärzte, ist. Für ihn steht das Ziel der AWB deshalb fest: "Es geht um Kundenbindung."

Die Firmen führen hingegen unisono an, dass die AWB im Sinne der Patientensicherheit und für den Fortschritt in der Diagnostik ein wesentliches Instrument seien. "Die fachgerechte Anwendung von Kontrastmitteln ist in besonderem Maße von den technischen Entwicklungen im Bereich der medizinischen Bildgebung abhängig", schreibt zum Beispiel Bracco. Und Guerbet merkt an: "Die von Ihnen geäußerte Vermutung, dass unser Unternehmen Anwendungsbeobachtungen zu Marketingzwecken einsetzt, ist nicht zutreffend." Auch wenn ein Mittel "seit Jahren unverändert am Markt ist, ändern sich in diesem Zeitraum regelmäßig die bildgebenden Geräte, die zur Diagnose verwendet werden."

Schon im Jahr 2013 hatte allerdings das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) anhand einer eigenen Analyse den auffallend hohen Anteil an Kontrastmitteln in den AWB kritisch bewertet: "Vier der Kontrastmittel erhielten ihre Marktzulassung zwischen 1982 und 1995", so die Bfarm-Experten, "nur eines war seit weniger als fünf Jahren auf dem Markt. Vor diesem Hintergrund können wir den Verdacht nicht ausräumen, dass eine beträchtliche Zahl" von AWB "vor allem aus Marketinggründen durchgeführt wurde."