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Genetik:"Das aufzuholen dauert lange"

Auch in anderen Bereichen der Medizin wirkt sich aus, dass die Genforschung in weiten Teilen auf das Erbgut von Europäern fokussiert ist: Der Wirkstoff eines häufig angewendeten Asthmasprays, Albuterol, schlägt bei Afroamerikanern und Puerto-Ricanern nicht gut an - weil bei ihnen Genabschnitte, die wichtig für die Wirkung des Medikaments sind, anders aufgebaut sind. Das fanden Wissenschaftler der University of California, San Francisco heraus, als sie der Frage nachgingen, warum Asthmaerkrankungen bei diesen Patienten so viel schwerer verlaufen.

Es verstärkt sich eine Ungleichheit, die in der Medizin ohnehin schon existiert: Eine Studie britischer Forscher zeigte schon 2004, dass manche Medikamente bei Patienten mit afrikanischen oder asiatischen Wurzeln anders wirken. Und Wissenschaftler aus Hawaii belegten 2015 in einer Studie, dass bei manchen Laborparametern, zum Beispiel Nieren- oder Blutwerte, große Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Ethnien bestehen. Trotzdem werden in vielen Ländern einfach die europäischen Normalwerte übernommen.

Dabei wäre es vergleichsweise einfach, jene Laborparameter im Normbereich für verschiedene Bevölkerungsgruppen herauszufinden. "Es reicht häufig eine Studie an hundert Menschen, um die gesunden Werte für diese Gruppe zu definieren", sagt Humangenetiker Nöthen. Doch bei polygenen Risiko-Scores ist das anders. Um die vielen Abweichungen in der DNA zwischen Kranken und Gesunden aufzuspüren und daraus Risiko-Scores aufstellen zu können, braucht man Zehntausende Proben von gesunden und erkrankten Menschen. "Das aufzuholen dauert lange", sagt Humangenetiker Nöthen.

Das Problem ist in den vergangenen Jahren noch gewachsen

In vielen Regionen mangelt es zudem an Infrastruktur und Geld, um diese Daten zu sammeln: Es fehlt Personal, das sich damit auskennt, und es fehlen die Labore, in denen die DNA-Proben analysiert werden können. Stattdessen müssen die Proben in Labore in die USA und nach Europa geschickt werden.

Viele der europäischen und US-amerikanischen Genforscher sind zudem zurückhaltend, wenn sie das Erbgut von Patienten außerhalb der ihnen bekannten Gruppe untersuchen sollen, berichtet die Anthropologin Jennifer Raff in Nature. Projekte, die das ändern wollen, wie zum Beispiel das seit 2010 laufende Programm Human Heredity & Health Africa, kurz H 3 Africa, welches das afrikanische Erbgut erforscht, kommen häufig von Wissenschaftlern, die selbst indigene, afrikanische oder asiatische Wurzeln haben. Einige von ihnen haben Leitlinien für Studien geschrieben, um die Erforschung vom Erbgut verschiedener Ethnien zu erleichtern und so voranzutreiben.

Die GWAS-Datenbank aber kommt bisher trotzdem nicht weg von ihrem Fokus auf Europa. Im Gegenteil: Der Anteil des Erbguts von europäischstämmigen Menschen ist seit 2014 sogar gestiegen.

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