Genforschung So leicht ist das Editieren von Genen

In dieser Petrischale soll der gentechnische Eingriff an menschlichen Embryonen stattgefunden haben, behauptet He Jiankui.

(Foto: Mark Schiefelbein/AP)
  • Die Genmanipulation menschlicher Babys durch einen chinesischen Biologen hat die Fachwelt schockiert. Die Behörden untersagten He Jiankui, seine Forschung fortzusetzen.
  • Es ist relativ einfach, die Genschere Crispr-Cas9 in kleinen Experimenten einzusetzen. Um damit tatsächlich eine bestimmte Wirkung am Erbgut zu erzielen, ist jedoch weitaus mehr Expertise nötig.
  • Experten zweifeln, ob He wirklich weiß, was er tut. Womöglich hat der Eingriff an den Embryonen seinen Zweck verfehlt.
Von Kathrin Zinkant

Kathy Niakan hatte es in Hongkong nicht gerade leicht, als sie über ihre Forschung sprach. Kenntnisreich, strukturiert und mit gut verständlicher Stimme präsentierte die britische Entwicklungsbiologin auf dem zweiten International Summit on Human Genome Editing die Ergebnisse ihrer Experimente an menschlichen Embryonen. Normalerweise hätte das Publikum Niakan an diesem Mittwochvormittag mit Neugier gelauscht, schließlich hatte die Forscherin vom angesehenen Francis Crick Institute in London vor drei Jahren Furore gemacht.

Als erste europäische Wissenschaftlerin erhielt sie 2015 die Erlaubnis, menschliche Embryonen zu Forschungszwecken genetisch zu verändern - mit der Auflage, die Zellkulturen nach zwei Wochen zu verwerfen. Die Sache erregte damals großes Aufsehen, es gab heftige ethische Debatten. Doch jetzt, in Hongkong, hörte der jungen Wissenschaftlerin kaum jemand zu. Das Publikum wartete gebannt auf He Jiankui, jenen Mann, der nicht nur das Erbgut von winzigen Embryonen verändert haben will - sondern das von echten, zur Welt gekommenen Babys.

Offenkundig beschäftigt sich He noch nicht allzu lange mit der Genschere Crispr

Unter Wissenschaftlern sitzt der Schock über Hes Offenbarung vom vergangenen Montag noch immer tief. Auch die chinesischen Behörden sind außer sich über die Tat ihres Landsmanns. Nach eigenen Angaben hat der chinesische Forscher mithilfe der Genschere Crispr-Cas9 eine Erbanlage im Genom zweier Retortenbabys so verändert, dass die späteren Kinder immun gegen den Aidserreger HIV werden. Beweise gibt es für Hes Machwerk noch immer keine, am Donnerstag wurde He zudem offiziell von Staats wegen untersagt, seine Forschung fortzusetzen. Und dennoch: Der lange schon gefürchtete erste Eingriff in die menschliche Evolution mithilfe der legendären Genschere hat wohl stattgefunden - durchgeführt allerdings von einem, von dem man es nicht vermutet hätte. Die Kandidaten für ethisch zweifelhafte Vorstöße in Sachen Gentechnik hießen bislang Shoukhrat Mitalipov oder George M. Church, beide sind Amerikaner und so etwas wie die Rockstars der Szene. Auch anderen Experten des Fachs hätte man einiges zugetraut. Aber He wer?

He Jiankui ist Professor an der Southern University of Science and Technology in Shenzhen, seit Februar jedoch beurlaubt.

(Foto: Kin Cheung/AP)

Der Mann ist weder Entwicklungsbiologe noch Reproduktionsmediziner noch Crispr-Experte. Offiziell forscht He zwar derzeit noch an der Southern University of Science and Technology in Shenzhen, ist dort jedoch seit Februar beurlaubt. Und sicherlich mag der Chinese an renommierten Einrichtungen in den USA ausgebildet worden sein, aber der ungeduldig erwartete Auftritt des Forschers in Hongkong machte einmal mehr klar, wie blass dieser Mann, der gerade alles auf den Kopf stellt, wissenschaftlich eigentlich ist. Nach seinem Vortrag konnte He viele Fragen nicht annähernd hinreichend beantworten. In seinen Ausführungen traten Widersprüche auf, die auf Twitter hinterher von Experten des Fachs seziert wurden. Offenkundig war hier jemand zu Werke gegangen, der sich erst jüngst in die Materie eingearbeitet hatte - und vermutlich dennoch in der Lage war zu tun, was er wollte. Und nicht mal Geld scheint ein Problem zu sein, wenn es um den beherzten Griff ins menschliche Erbgut geht: He will weder Geld vom Staat benutzt, noch seine eigenen Firmen angezapft haben.

Sogar Laien können die Genschere anwenden. Eingriffe an Menschen sind jedoch weitaus komplexer

Wie schwierig also ist es heute noch, neue Menschen zu züchten? Von dem Werkzeug Crispr-Cas9 ist sehr häufig berichtet worden, wie leicht es zu benutzen sei. Tatsächlich sind selbst völlige Laien mit etwas Anleitung in der Lage, die Genschere in kleinen Experimenten einzusetzen, in Berlin lernte das eine Künstlerin für ein Projekt zuletzt binnen weniger Wochen. Doch obgleich befruchtete Eizellen zunächst mal nicht mehr sind als eine Zelle, braucht es für die Erzeugung und Manipulation von Embryonen zumindest ein professionelles Labor für künstliche Befruchtungen und entsprechende Expertise. "Es ist halt eine Injektion in die Eizelle notwendig, ohne sie dabei zu zerstören", sagt der Biomediziner Dirk Heckl von der Universität Hannover. "Im Prinzip denke ich aber, dass ein fähiges IVF-Labor in der Lage sein sollte, solche Versuche durchzuführen."

Heckl, der selbst schon einige Jahre mit der Genschere arbeitet, sieht an anderen Stellen Hürden. So seien Crispr-Werkzeuge, die per Mausklick im Internet bestellt werden könnten, nicht für klinische Versuche einsetzbar. Es gibt zudem einen Unterschied zwischen der Durchführung und dem eigenständigen Entwerfen solcher Experimente. Crispr-Cas9 besteht schließlich nicht nur aus einem Enzym, das DNA schneidet: Die biochemische Schere muss auch wissen, wo sie ansetzen soll. Sie benötigt eine maßgeschneiderte sogenannte single guide RNA, eine molekulare Sonde, die das gewünschte Gen ansteuert. Es existieren zahlreiche Online-Tools, um solche sgRNAs selbst zu gestalten, aber ob sie dann auch funktionieren und nicht gleichzeitig an unerwünschten Stellen im Genom herumschneiden, muss erst in ausgiebigen Vorexperimenten geprüft werden. Dazu kommt, dass nur wenige Gene so gut untersucht sind, dass selbst Fachleute im Voraus sagen können, welche Effekte eine Manipulation im Menschen hätte. Selbst zu jenem Gen, das He Jiankui in den Babys verändert haben will, kommen immer neue Erkenntnisse hinzu. Zum Beispiel jene, dass die Träger eines solchen veränderten Gens schwerer an Influenza erkranken.

Und zu guter Letzt ist da noch eine Sache, die der Fall aus China auch zeigt: Womöglich funktioniert es noch gar nicht so gut, mit dem Editieren von Embryonen. Dass He es versucht hat, glaubt zwar inzwischen die Mehrheit der Fachleute. Die wenigen Daten, die der Forscher in Hongkong gezeigt hat, weisen aber darauf hin, dass nur ein Teil der Zellen in den Mädchen verändert wurde - was den Eingriff nicht weniger gefährlich, aber zu allem Überfluss auch noch sinnlos macht. Eine Menschenzucht, wie sie sich mancher in diesen Tagen ausmalt, ist eben doch alles andere als ein Kinderspiel.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde behauptet, dass Menschen mit der im Text geschilderten genetischen Veränderung weniger an Grippe erkranken würden. Das Gegenteil ist der Fall. Das veränderte Gen schützt zwar vor einer Infektion mit dem Aidserreger HIV, steht zugleich aber in Zusammenhang mit schwereren Krankheitsverläufen der Grippe. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Genforschung Ein Mann spielt Gott

Gentechnik

Ein Mann spielt Gott

Was lange befürchtet wurde, ist jetzt wohl in China passiert: Der Forscher He Jiankui erklärt in Hongkong, wie er Babys genetisch verändert hat. Was bleibt, ist das Entsetzen und die Frage, ob er überhaupt weiß, was er tut.   Von Christoph Giesen und Kathrin Zinkant