Gene Editing Chinesische Forscher machen Embryonen gegen HIV immun

Mit einer tödlichen Umarmung dringt das HI-Virus in die Zellen seines Wirts ein. Es sei denn, der Rezeptor auf diesen Zellen ist verändert.

(Foto: Cynthia Goldsmith/AP)

Die Wissenschaftler experimentierten mit nicht lebensfähigen Embryonen. Dennoch wirft die Genmanipulation viele Fragen auf.

Von Kathrin Zinkant

Craig Mello hatte noch von "ferner Zukunft" gesprochen. Als der Nobelpreisträger vor einem Jahr seine Erwartungen an die neue Technologie namens Gene Editing schilderte, malte er ein neues Bild der Menschheit - befreit von Krankheiten wie Krebs und Diabetes. Immun gegen all jene gesundheitlichen Gefahren, die durch Gene bestimmt werden. Das Werkzeug namens Crispr-Cas9 könnte den ultimativ gesunden Menschen möglich machen. Nur eben nicht sehr bald. Sondern in dieser "fernen Zukunft".

Doch wie es neuerdings so ist, in den Lebenswissenschaften: Mit Crispr-Cas9 geht alles schneller als gedacht. Chinesische Wissenschaftler haben mithilfe dieser Technologie schon jetzt menschliche Embryonen immun gegen den Aidserreger HIV gemacht. Wie die Forscher von der Universität in Guangzhou in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Journal of Assisted Reproduction and Genetics berichten, gelang es dem Team, die Erbanlage für ein entscheidendes Molekül in den künstlich befruchteten Embryonen so zu verändern, dass das Immunschwächevirus nicht mehr in die manipulierten Zellen eindringen kann.

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Zum ersten Mal genehmigt eine Aufsichtsbehörde derartige Forschung an gesunden menschlichen Embryonen.

Zwar werden aus den veränderten Embryonen nicht wirklich Menschen erwachsen, die gegen HIV gefeit sind: Die Forscher haben für ihre Arbeiten nur Embryonen mit einem dreifachen Chromosomensatz eingesetzt. Solche Embryonen sind unter keinen Umständen lebensfähig. Dennoch zeigt das Experiment, wie leicht sich die Vision dank neuer Gentechnik umsetzen ließe. Und wie bisherige Erkenntnisse dabei genutzt werden können.

Aus den manipulierten Embryos werden zwar keine Menschen. Doch sie zeigen, was möglich ist

Die nun gezielt herbeigeführte Mutation tritt bei Menschen nämlich auch natürlich auf: Das sogenannte CCR5∆32-Allel war Mitte der Neunzigerjahre in Personen entdeckt worden, die sich auch bei intensivem Kontakt mit HIV nicht ansteckten. Inzwischen weiß man, dass die Mutation eine Andockstelle für HIV auf der Oberfläche von Zellen außer Gefecht setzt.

Zahlreiche Forschergruppen versuchen seither, den schützenden Effekt durch Medikamente zu simulieren. Oder sie arbeiten an der nachhaltigen Lösung des Problems - mit dem Ziel, ins Erbgut von bereits infizierten Patienten einzugreifen und den Rezeptor auszuschalten. Auf die Idee, Menschen per gezielter Veränderung des Erbguts bereits vor der Geburt vor einer Infektion durch HIV zu schützen - darauf war man lange nicht gekommen.

Es fehlte an genetischen Werkzeugen, die eine solche erforderliche Manipulation nicht nur theoretisch möglich machen könnten, sondern auch absehbar praktikabel. Erst die Entwicklung präziser Genscheren hat das verändert. Das erst wenige Jahre alte Werkzeug Crispr-Cas9 erlaubt derart präzise platzierte, kleine Schnitte im Erbgut, dass selbst der gezielte Eingriff an Embryonen keine Fiktion mehr ist. Die Methode gilt als hocheffektiv, extrem schnell und ist dazu noch kostengünstig. Do-it-yourself-Kits mit dem nötigen Zubehör sind online bereits für 160 Dollar erhältlich. In Labors kostet ein Crispr-Cas9-Einsatz nur etwa 30 Dollar. Andere Verfahren verschlingen mehrere Tausend Dollar je Versuch.