Covid-19:Weshalb die Zahl der Impfdurchbrüche steigt

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Corona-Impfung

Nach der Impfung gegen Covid-19 fühlen sich viele Menschen sicher. Der Schutz ist auch sehr gut - aber nicht perfekt.

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Auch Geimpfte infizieren sich mit dem Coronavirus. Dennoch schützt die Impfung: Betroffene werden nicht so schwer krank und geben das Virus auch nicht so leicht weiter wie Ungeimpfte.

Von Christina Berndt

Sie ahnten es schon, aber dann machten sie den Popcorn-Test: Einen Unterschied zwischen salzigem und süßem Popcorn? Den konnten sie einfach nicht mehr herausschmecken, erzählte ein 38-jähriger Familienvater aus dem Allgäu kürzlich in der Sendung "Zervakis & Opdenhövel. Live". Das Coronavirus hatte die gesamte Familie getroffen - alle vier Kinder und die Eltern. Dabei waren Mutter und Vater gegen Covid-19 geimpft. "Wir waren anfangs sehr, sehr schockiert", erzählte der Vater. "Es ist einfach unglaublich, wenn man das sieht, und überlegt sich: Wie kann denn das sein?"

So wie der Familie ergeht es immer mehr Menschen in Deutschland. Laut dem neuesten Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden seit Beginn der Impfkampagne fast 118 000 Impfdurchbrüche registriert - also Infektionen mitsamt Corona-Symptomen trotz vollständiger Impfung. Jeder dritte Mensch, der in den zurückliegenden vier Wochen über Covid-19-Symptome klagte, war vollständig geimpft.

So irritierend die Zahlen wirken, Fachleute sind wenig überrascht. "Mittlerweile sind sehr viele Menschen geimpft. Und auch wenn 118 000 nach viel klingt: Es haben damit nur 0,2 Prozent der Geimpften einen Impfdurchbruch erlitten", sagt Christine Falk, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Ungeimpfte erkranken hingegen achtmal so häufig an Covid-19 wie Geimpfte. Und sie erkranken schwerer.

Ein Geimpfter trägt Viren nur rund drei Tage im Rachen, ein Ungeimpfter sieben

Doch auch Geimpfte sind nicht immer vor einem schweren Verlauf gefeit. Ihr Anteil an den stationären Covid-19 Patienten ist mittlerweile auf 32 Prozent gestiegen, auf den Intensivstationen auf 25 Prozent. "Das erscheint zunächst hoch", sagt Falk. Doch angesichts dessen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist, sei ihr Anteil an den Patienten der Kliniken und Intensivstationen niedrig.

"Wenn die Impfungen gegen Covid-19 schon etwas her sind, sind sie nicht mehr so gut darin, eine Infektion zu verhindern", betont auch Carsten Watzl, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. "Sie sorgen aber dafür, dass man in der Regel nicht schwer krank wird - und das tun sie immer noch sehr gut." Wenn ein Geimpfter nach Ansteckung doch einen schweren Verlauf hat, lasse sich das auf verschiedene Ursachen zurückführen.

Erstens: Das Immunsystem ist nicht gut aufgestellt und hat deshalb nicht ausreichend auf die Impfung reagiert. Das ist vor allem bei älteren Menschen der Fall. Noch dazu setzt ihnen das Coronavirus besonders zu; die allermeisten der geimpften Intensivpatienten sind deshalb über 60 Jahre alt, viele über 80. Zweitens: Gerade diese vulnerable Gruppe ist schon früh geimpft worden. Da der Impfschutz mit der Zeit abnimmt, ist bei ihnen jetzt eine Auffrischimpfung fällig. Drittens: Wer schon früh geimpft wurde, hat die beiden Spritzen in der Regel im Abstand von drei Wochen bekommen; inzwischen weiß man, dass ein längerer Abstand besser ist. Viertens: Vermutlich kommt es auch auf die Menge der Viren an, mit denen man sich infiziert. Und schließlich setzt auch noch die Delta-Variante der Wirksamkeit der Impfungen zu.

All dem zum Trotz betrage der Schutz der Impfung vor einer symptomatischen Corona-Infektion immer noch 75 Prozent für Personen unter 60 Jahren und 73 Prozent für Ältere, hat das RKI ausgerechnet. Der Schutz vor einem Krankenhausaufenthalt infolge der Infektion liege bei 90 Prozent für die Jüngeren und bei 85 Prozent für die Älteren, der vor Behandlung auf der Intensivstation bei 94 Prozent für die Jüngeren und bei 91 Prozent für die Älteren und der vor Tod bei 98 Prozent für die Jüngeren und bei 85 Prozent für die Älteren. Aus Carsten Watzls Sicht ist die Bilanz damit weiterhin hervorragend: "Ich lasse mich ja nicht impfen, um eine leichte Erkältung zu verhindern, ich lasse mich impfen, um nicht schwer zu erkranken", sagt er.

Dass sich Geimpfte überhaupt noch anstecken können, liegt möglicherweise auch am Infektionsweg. Denn die Impfung erfolgt ja in den Muskel, somit ist das Immunsystem vor allem in der Blutbahn aktiv. Wenn das Virus dann über Nase und Mund in den Körper eindringt, kann es sich dort erst einmal vermehren - bis die Truppen des durch die Impfung vorgewarnten Immunsystems eintreffen. Sie besiegen den Erreger dann meist schnell. Ein Geimpfter trägt damit Viren über einen kürzeren Zeitraum im Rachen als ein Ungeimpfter, bei Sars-CoV-2 im Durchschnitt nur etwa drei statt sieben Tage.

Auch Geimpfte sollten darauf achten, dass sie sich nicht infizieren

Daraus schließen Experten, dass Geimpfte deutlich weniger ansteckend für andere sind als Ungeimpfte. Zwar haben Studien bei Geimpften an manchen Tagen eine ähnlich hohe Viruslast im Rachen gefunden wie bei Ungeimpften. Doch die Viren sind einer noch nicht von Fachkollegen begutachteten Studie aus Rotterdam zufolge weniger aktiv. Weil sie vom Immunsystem bekämpft werden, werden einige von ihnen unfähig, neue Zellen zu kapern.

Trotzdem können Geimpfte das Virus weitergeben - vor allem, wenn der Kontakt sehr intensiv ist. Einer aktuellen Studie aus dem Fachblatt Lancet Infectious Diseases zufolge steckten Geimpfte ebenso wie Ungeimpfte jedes vierte Familienmitglied an. Von den geimpften Familienmitgliedern infizierten sich aber nur 25 Prozent, unter den Ungeimpften dagegen waren es 38 Prozent.

Auch bei Partys und Clubveranstaltungen, die als sehr infektionsträchtig gelten, ist es zuletzt zu zahlreichen Ansteckungen gekommen, selbst wenn sie nur für Geimpfte und Genesene (2G) zugänglich waren. In Münster etwa zogen sich bei einer Party mit rund 380 Gästen sogar mehr als 80 Menschen das Coronavirus zu. Laut dem Gesundheitsamt der Stadt ging jedoch von keinem dieser Infizierten eine Folgeinfektion aus. Ähnliches berichtet die Stadt Hamburg.

Auch Geimpfte sollten somit immer im Hinterkopf haben, dass sie sich anstecken und für andere potenziell ansteckend sein können, sagt der Covid-19-Experte Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing. "Sie sollten darauf achtgeben, dass sie sich nicht infizieren, und sich auch testen - vor allem vor dem Betreten sensibler Bereiche wie einem Altenheim." Das sei derzeit die wichtigste Botschaft aus den Impfdurchbrüchen. Die andere ist: Auch wenn es nicht hundertprozentig ist - Impfen schützt.

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