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Gefahr durch Verhütung:Riskante Antibabypillen noch immer häufig verschrieben

Gerade die meistverkauften Antibabypillen führen doppelt so oft zu gefährlichen Thrombosen wie ältere Präparate. Dass sie noch immer stark beworben werden, hängt mit dem Auslaufen der Patente für Pillen der zweiten Generation zusammen, vermutet, ein Bremer Sozialwissenschaftler.

Moderne Antibabypillen bergen nach Darstellung des Arzneimittelexperten Gerd Glaeske für Frauen ein doppelt so hohes Risiko gefährlicher Nebenwirkungen wie ältere Präparate. Dennoch würden sie immer stärker verordnet, sagte Glaeske am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des Barmer GEK Arzneimittelreports.

Report: Riskante Pillen für Trinker, Demente und junge Frauen

Manche Medikamente helfen nicht so, wie sich die Patienten das wünschen: Laut Arzneimittelreport kommt es zum Beispiel bei einigen der meistverkauften Antibabypillen doppelt so oft zu gefährlichen Thrombosen wie bei älteren Präparaten. Grund sind die in den Präparaten enthaltenen Hormone.

(Foto: dpa)

So enthielten fast die Hälfte der 20 meistverkauften Antibabypillen Hormone mit einem doppelt so hohen Thromboserisiko wie ältere Präparaten.

Bei den älteren Pillen der sogenannten zweiten Generation komme es - berechnet auf 100.000 Frauen und die Einnahme über ein Jahr - zu 15 bis 20 Fällen gefährlicher Thrombosen. Bei neueren Präparaten seien es dagegen 30 bis 40 Fälle.

Als Grund dafür, dass die moderneren Pillen noch immer so häufig verschrieben werden, vermutet der Bremer Sozialwissenschaftler, der den Arzneimittelreport verfasst hat, das Auslaufen der Patente für Pillen der zweiten Generation. Damit ist in der Regel für den Hersteller ein Preisverfall verbunden.

Die noch patentgeschützten und damit für die Pharmaindustrie lukrativeren Antibabypillen der dritten und vierten Generation würden dagegen gezielt beworben und vermarktet, sagte Glaeske: "Tatsache ist, dass dieser Markt nicht zugunsten der Frauen ausfällt." Er empfahl Frauen, sich von ihrem Arzt über Risiken ihres Präparats und einen möglichen Umstieg beraten zu lassen.

Bedenkliche Entwicklungen sieht Glaeske zudem bei der Behandlung Demenzkranker: Trotz eines erhöhten Sterblichkeitsrisikos würden jedem Dritten von ihnen regelmäßig starke Beruhigungsmittel verschrieben.

Damit nehmen Altersverwirrte sechsmal häufiger sogenannte Neuroleptika ein als Patienten ohne Demenz. Gleichzeitig ist seit Jahren bekannt, dass sie nach Einnahme dieser Medikamente eine 1,7-fach erhöhte Sterblichkeitsrate aufweisen. Altersverwirrte in Heimen würden damit ruhiggestellt, weil es an Pflegekräften fehle, kritisierte Glaeske.

Auch alkoholabhängige Patienten werden seinen Erkenntnissen nach oft falsch behandelt: Sie erhalten viel zu häufig Schlaf- und Beruhigungsmittel. So nehme fast jeder siebte Patient, der wegen Alkoholabhängigkeit in ärztlicher Behandlung sei, starke Schlafmittel mit hohem Suchtpotential ein.

Patienten erhielten diese Mittel häufig im klinischen Alkoholentzug, allerdings auch danach zur Behandlung von Schlafstörungen und Angstsymptomen. Für einen längerfristigen Einsatz bei Alkoholabhängigkeit gelten diese Medikamente als ungeeignet und gefährlich.

© SZ vom 16.06.2011/SZ/mcs

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