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Fund von Pockenviren:Killer aus der Tiefkühltruhe

In den Tiefen eines US-Labors haben offenbar 60 Jahre lang Pockenviren überdauert. Eigentlich galt die Krankheit als längst ausgerottet. Behandeln lässt sich die Seuche bis heute nicht.

Seit 34 Jahren gelten die Pocken weltweit als ausgerottet, lediglich in zwei Hochsicherheitslabors sollten letzte Proben seines gefährlichen Erregers lagern - davon war zumindest auszugehen, bis nun sechs Probenröhrchen mit der Aufschrift "Variola" in einem ungesicherten Tiefkühlschrank der amerikanischen Lebens- und Arzneimittelaufsicht FDA auftauchten. Variola ist der Name des Pockenvirus. Er kann tödlich sein.

Die Röhrchen und zehn weitere Phiolen mit unleserlicher Beschriftung wurden von der Seuchenbehörde CDC sichergestellt und in Labors der höchsten Sicherheitsstufe gebracht. Dort wurde am Dienstag bestätigt, dass die Proben tatsächlich Erbgut von Variola-Viren enthalten. Offen ist, ob die Erreger noch infektiös sind. Nach Angaben der CDC stammen die Röhrchen aus den 1950er Jahren. Die Tests sollen in zwei Wochen abgeschlossen sein. Falls die Viren sich aktiv erweisen, wird die Weltgesundheitsorganisation WHO die Zerstörung der Proben beaufsichtigen.

Medikamente gegen eine Pockenepidemie gibt es nicht

Der Vorfall ist nicht allein wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr heikel. Seit Jahren tobt ein internationaler Streit um die endgültige Vernichtung der letzten offiziell vorhandenen Variola-Proben, die in den CDC-Labors in Atlanta und am Staatlichen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie im russischen Nowosibirsk aufbewahrt werden. Die Zerstörung war bereits für 1999 angesetzt, wurde aber immer wieder verschoben. Das Risiko, es könnten noch Proben außerhalb der zwei offiziellen Labors existieren und in falsche Hände geraten, war vielen Offiziellen zu groß.

Wie das Fachmagazin Science anlässlich der aktuellen Entdeckung berichtet, tauchen tatsächlich immer wieder Proben in vergessenen Kühlschränken auf. Im Falle eines Terroranschlags wären Ärzte jedenfalls aufgeschmissen: Bislang ist die Krankheit nicht behandelbar, es existieren keine Medikamente. Einen Impfstoff gibt es zwar, er ist aber vor allem für ältere Menschen gefährlich und nach heutigen Standards indiskutabel für landesweite Impfkampagnen. Forscher wollen deshalb weiter mit dem Virus arbeiten, um neue Wirkstoffe oder ein neues Vakzin zu entwickeln. Allerdings bergen die nötigen Experimente ihrerseits Risiken, weil die Viren dafür verschickt werden müssten.

© Süddeutsche.de/chrb/rus
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