Früherkennung von Krebs:Ärzte verstehen Krebsstatistiken nicht

Lesezeit: 2 min

Es gilt gemeinhin als sicher, dass die Krebs-Früherkennung Leben rettet. Doch um diese Annahme zu untermauern, operieren viele Wissenschaflter und Lobbygruppen mit völlig irrelevanten Messgrößen. Das Schlimme ist: Selbst Allgemeinmediziner durchschauen dies nicht, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Patrick Illinger

Eine gestiegene Überlebensrate - das klingt nach Erfolg, nach Heilung, nach großem Glück. Doch so wie viele Ärzte mit dieser statistischen Größe umgehen, ist sie alles andere als ein Erfolg, sondern ein mathematisches Nullsummenspiel. Ob Irrtum oder Absicht: Wenn es um die Vorteile von Krebsfrüherkennung geht, hantieren viele Ärzte und Lobbygruppen mit Prozentangaben, die völlig irrelevant und sogar irreführend sind (Grafik unten).

Statistische Irrtümer bei Krebs

Zwei Irrtümer der Krebsfrüherkennung: Massenuntersuchungen auf Krebsleiden sind letztlich nur sinnvoll, wenn Sie Leben retten. Um den Nutzen von Screenings zu begründen, wird daher oft mit einer prozentual erhöhten Fünf-Jahres-Überlebensrate argumentiert. Doch diese Messgröße ist wertlos. Zwei rein mathematische Effekte können beeindruckende Prozentzahlen erzeugen, auch wenn kein einziger zusätzlicher Patient geheilt wird. Den ersten Effekt verdeutlicht diese Grafik; den zweiten Effekt erläutert die Illustration auf der folgenden Seite.

Quelle: Annals of Internal Medicine

(Foto: SZ-Grafik: Braun)

Wie also steht es um Patienten, wenn sie bei ihrem niedergelassenen Allgemeinarzt Rat zum Thema Früherkennung suchen? Das Harding-Zentrum für Risiko-Kompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat mehr als 400 Allgemeinärzte in den USA befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Mehrzahl der Ärzte versteht Krebsstatistiken nicht.

Ein zentraler Messwert in Studien zur Krebsforschung ist die sogenannte Fünf-Jahres-Überlebensrate. Diese beziffert den Anteil von Patienten, die fünf Jahre nach der Krebsdiagnose noch leben. Vergleicht man in einer Pharmastudie zwei Medikamente, so mag diese Fünf-Jahres-Überlebensrate ein aussagekräftiges Maß für die Wirksamkeit von Therapie-Varianten sein. Für die Frage jedoch, wie viel Reihenuntersuchungen (Screenings) zur Lebensrettung beitragen, ist die Fünf-Jahres-Überlebensrate wertlos. Zwei rein statistische Effekte führen automatisch zu prozentual höheren Überlebensraten, auch wenn kein einziges Patientenleben gerettet wurde.

Die Gründe sind erstens: Wenn Krebs in einem früheren Stadium diagnostiziert wird, lebt der Patient länger mit der Erkrankung, auch ohne eine Therapie. Zweitens: Untersucht man mehr symptomfreie Menschen, so findet man auch Tumore, die von selbst zeitlebens nie aufgefallen wären. Es werden somit mehr Krebsfälle entdeckt, auch ungefährliche, und der Anteil der tödlich verlaufenden Krebserkrankungen sinkt prozentual. Auch hier ist real nicht ein einziges Menschenleben gerettet worden - bei gestiegener Überlebensrate. Es ist ein mathematisches Artefakt.

Eine höhere Überlebensrate allein ist daher kein Beweis für den Nutzen der Krebsfrüherkennung. Hierbei ist eine andere Messgröße entscheidend: die Zahl der Todesfälle in der Gesamtbevölkerung. Diese ermöglicht eine Aussage darüber, ob ein Screening letztlich Leben rettet. Ein Screening, das indes nicht eindeutig zu höheren Heilungsraten führt - etwa weil früh erkannte Tumore besser zu behandeln sind - ist sogar schädlich: Patienten müssen mehr Lebensjahre mit einer überflüssigen Krebsdiagnose verbringen. Und sie müssen sich Eingriffen unterziehen, von der Gewebeprobe bis zur Tumorentfernung, auch wenn der Krebs unentdeckt problemfrei verlaufen wäre.

Von den Zahlen verwirrt

Fast die Hälfte der von den Max-Planck-Forschern befragten Allgemeinärzte war jedoch überzeugt davon, dass mehr entdeckte Krebsfälle ein Beweis dafür seien, dass die Früherkennung Leben rettet. Drei von vier Ärzten sahen in höheren statistischen Überlebensraten einen Beweis für zusätzlich gerettete Leben.

Statistische Irrtümer bei Krebs 2

Der zweite Irrtum der Krebsfrüherkennung: Beide Patienten sterben mit 70 Jahren. Der zweite hatte nur deshalb eine längere Überlebenszeit, weil der Krebs früher festgestellt wurde. Die statistisch höhere Überlebensrate ist daher kein Beweis für das eigentlich gewünschte Ergebnis: weniger Krebstote.

Quelle: Annals of Internal Medicine

(Foto: SZ-Grafik: Braun)

Die Bildungsforscher legten den Ärzten zudem zwei Statistiken vor, die beide in etwa auf das Prostatakarzinom zutreffen, ohne jedoch die Krebsart zu nennen. Einmal stieg die Fünf-Jahres-Überlebensrate infolge einer Reihenuntersuchung von 69 auf 99 Prozent. Im anderen Fall sank die Todesrate in der Gesamtbevölkerung von 2 von 1000 Patienten auf 1,6 von 1000. Für welches der beiden Screenings ist somit der Nutzen bewiesen? Welches sollte den Patienten empfohlen werden?

Die erste Statistik klang offenbar so überzeugend, dass 80 Prozent der Allgemeinärzte das entsprechende Screening als "lebensrettend" einstuften. 69 Prozent der Mediziner gaben an, sie würden ihren Patienten eine Früherkennung auf Basis dieser (irrelevanten) Daten "definitiv empfehlen". In der gesunkenen Todesrate hingegen erkannten nur 60 Prozent der Ärzte einen positiven Effekt. Und nur 23 Prozent der Mediziner wollten auf dieser Grundlage ein Screening empfehlen. Die Veränderung von 2 auf 1,6 Todesfälle erschien vielen Ärzten vermutlich marginal.

Als den Ärzten gezeigt wurde, wie die Zahl entdeckter Krebsfälle infolge eines Screenings steigt, hielten die meisten Probanden dies für einen zusätzlichen Beweis für den Nutzen der Früherkennung. Dabei ist auch diese Statistik ohne die Angabe tatsächlich geretteter Leben völlig irrelevant.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema