Fortpflanzungsmedizin:Deutschlands Regeln für künstliche Befruchtung sind ein Armutszeugnis

Lesezeit: 2 min

Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch legen die deutschen Gesetze bislang unnötige Hürden in den Weg. (Foto: Nina Janeckova/IMAGO/Westend61)

Die Bundesregierung hat viel versprochen und bislang wenig gehalten: Es ist an der Zeit, das Leid von ungewollt kinderlosen Paaren endlich zu lindern. Dafür bräuchte es nicht viel.

Kommentar von Christina Berndt

Am Anfang haben die Ministerien gedrängelt. Der Bericht müsse unbedingt binnen eines Jahres fertig werden, sagten die Vertreter aus Gesundheits-, Justiz- und Familienministerium der von ihnen berufenen „Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin“. Sonst klappe das nicht mehr mit einem neuen Gesetz. Die Kommission sputete sich – und gab ihren Bericht Mitte April 2024 fristgerecht ab. Dieser ist sonnenklar: Rund um das Thema Fortpflanzung muss dringend etwas getan werden. Die deutschen Gesetze stehen weit hinter der medizinischen Entwicklung zurück. Sie verhindern Gesundheit, Selbstbestimmung und die Erfüllung eines Kinderwunsches, statt sie zu ermöglichen. Doch anders als versprochen, passiert gerade nichts, was nach einem baldigen Gesetz aussieht. Das ist ein Drama.

Man kann dieser Regierung nicht vorwerfen, dass sie gesetzgeberisch träge wäre. Gerade die auch für die Fortpflanzungsmedizin zuständigen Minister Karl Lauterbach (Gesundheit) und Marco Buschmann (Justiz) haben sich mit Gesetzesinitiativen etwa zur Krankenhausreform, zur Datennutzung in Forschung und Medizin oder zur Abschaffung des Abtreibungswerbeverbots an Reformen herangewagt, die über Jahrzehnte verzögert oder verhindert wurden. Aber auf diesem Fortschritt darf sich die Ampel nicht ausruhen. Dafür sind Gesetze zur Reproduktion zu wichtig für das Glück vieler Menschen und für die Gesundheit von Müttern und Kindern dazu.

Derzeit hinkt die Fortpflanzungsmedizin in Deutschland nicht nur weit hinter den medizinischen Möglichkeiten her, sie ist sogar direkt schädlich. So wird in vielen anderen Ländern längst die eSET-Methode angewendet, der „elektive Single-Embryo-Transfer“. Dabei wird nach einer Befruchtung weiblicher Eizellen in der Kulturschale nur ein Embryo statt mehrerer in die Gebärmutter der Frau eingesetzt – aber nicht irgendeiner. Vielmehr wird jener Embryo ausgewählt, der unter dem Mikroskop am fittesten erscheint, aus dem also mit der höchsten Wahrscheinlichkeit ein gesundes Kind erwachsen wird.

Anstelle von Müttern und Kindern werden Embryonen geschützt, die gewiss nicht leiden

Diese Methode senkt die Gefahr von Mehrlingsschwangerschaften, die mit einem erheblichen Risiko für Mütter und Kinder verbunden sind. Jedes fünfte durch künstliche Befruchtung geborene Kind ist in Deutschland ein Zwilling. Bei jedem dieser Kinder ist das Risiko erhöht, dass es zu früh geboren wird oder Fehlbildungen erleidet. Doch in Deutschland ist die segensreiche Methode des eSET verboten, weil Embryonen um jeden Preis bewahrt werden sollen. Es ist ein absurdes Missverhältnis: Statt Mütter und Kinder zu schützen, werden Embryonen geschützt, die aus wenigen Zellen bestehen, in der Petrischale liegen und gewiss nicht leiden.

Die Freigabe des eSET ist daher ebenso geboten wie die Erfüllung der weiteren Versprechen rund um das Thema Fortpflanzung, welche die Ampelregierung in ihrem Koalitionsvertrag gegeben hat. Dazu gehört eine Teil-Legalisierung von Abtreibungen statt der bis heute gültigen Straffreiheit ebenso wie die Legalisierung der Eizellspende und die bessere finanzielle Unterstützung von Menschen, die sich der ehrenwerten Aufgabe stellen möchten, Kinder aufzuziehen. Sie haben es verdient, dass ungewollte Kinderlosigkeit als behandlungsbedürftig anerkannt und künstliche Befruchtungen vom Sozialsystem finanziert werden. Das würde sich angesichts schrumpfender Rentenkassen und fehlender Arbeitskräfte im Übrigen auch ökonomisch lohnen.

Die Ampelregierung hat die historische Chance, den Menschen in Deutschland endlich die Chance auf einen selbstbestimmten Umgang mit ihrer Fortpflanzung zu geben, indem sie die ethisch sinnvollen Möglichkeiten einer modernen Medizin nutzen. Sie sollte es tun, bevor eine konservativere Regierung die Initiativen für einen würdevollen Umgang mit der Fortpflanzung wieder auf Eis legt. Dorthin, wo so viele ungeborene Embryonen und Eizellen schon so lange unnötigerweise liegen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungMedizin
:Multivitaminpräparate: Zeit für ein Verbot

Der Glaube an ihre Heilkraft ist ungebrochen. Doch sie sind ungesund und teuer – und können sogar Schaden anrichten.

Kommentar von Werner Bartens

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: