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Fehlbildungen in Lateinamerika:Zika plus X

In etlichen Ländern werden Insektenvernichtungsmittel versprüht. Doch womöglich sind die Zika-Mücken nicht der einzige Feind.

(Foto: AFP)

Forscher rätseln darüber, ob noch andere Faktoren als das Zika-Virus zu der Häufung von Fehlbildungen in Brasilien beigetragen haben.

Von Berit Uhlmann

Monatelang schien es sehr sicher zu sein, dass das Zika-Virus für die gehäuften Fehlbildungen bei Neugeborenen verantwortlich ist. Nun schlägt die Weltgesundheitsorganisation WHO vorsichtigere Töne an. In einer Stellungnahme schreibt die Behörde, dass das Virus "eine Ursache" für jene Anomalien sei, die mittlerweile angeborenes Zika-Syndrom genannt werden. Dies sei zumindest die "wahrscheinlichste Erklärung" für den aktuellen Ausbruch in Lateinamerika. Doch möglicherweise reiche der Erreger allein nicht aus, um den Anstieg von Fehlbildungen zu erklären. Die Organisation beruft sich auf die Einschätzung einer Expertengruppe, die insgesamt 72 Studien ausgewertet hat.

Die Wissenschaftler halten es für möglich, dass bei dem Geschehen in Lateinamerika noch ein weiterer Faktor eine Rolle spielen könnte. Allerdings haben sie kaum Anhaltspunkte, welcher dafür infrage kommt. Diskutiert wird bislang das Dengue-Virus, das ebenfalls in Lateinamerika grassiert. Genaue Erkenntnisse fehlen jedoch.

Ein solcher Co-Faktor könnte allerdings erklären, warum bislang mehr als 90 Prozent aller Fehlbildungen in Brasilien aufgetreten sind. Dabei hatte die WHO erwartet, dass ab dem Sommer auch in den umliegenden Staaten gehäufte Mikrozephalie- Fälle vorkommen sollten. Wissenschaftler schauen seit Wochen auf Kolumbien, wo Ende vergangenen Jahres die Zahl der Zika-Infektionen nach oben schnellte und man mit 12 000 infizierten Schwangeren rechnete. Ein großer Teil der betroffenen Babys sollte mittlerweile geboren sein. Doch für das gesamte Jahr wurden bis jetzt lediglich 38 Kinder mit zu kleinen Köpfen und unterentwickelten Gehirnen registriert. Was für junge Familien eine Erleichterung ist, bringt Forscher und Gesundheitsbehörden zunehmend in Erklärungsnöte.

Trotz all der Unsicherheiten halten die Experten die weit reichenden Empfehlungen zum Schutz vor dem Erreger für gerechtfertigt. Einen Teil dieser Empfehlungen hat die WHO in den vergangenen Tagen noch ausgeweitet. Wer aus einem Zika-Gebiet zurückkehrt, soll nun nicht mehr nur acht Wochen, sondern sechs Monate lang auf ungeschützten Sex verzichten. Die Empfehlung gilt für Männer und Frauen - unabhängig davon, ob sie Symptome einer Zika-Infektion zeigen oder nicht. Der Erreger wird in erster Linie durch Mücken, seltener durch Geschlechtsverkehr übertragen.

© SZ vom 09.09.2016

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