Fehlbildungen in Frankreich Die Ursachen von Geburtsdefekten sind vielfältig

Auch im Vergleich mit anderen Regionen stechen die von der französischen Behörde bestätigten Zahlen zunächst nicht als extrem auffällig heraus. Auf 10 000 Geburten kommen demnach im Département Ain 1,7 Fehlbildungen der Arme. Europaweit liegt die Rate zwischen zwei und vier pro 10 000 Geburten. In der Mainzer Region sogar bei sieben pro 10 000. Das liegt an der aktiven und damit besonders gründlichen Erfassung. Das zweite deutsche Register in Sachsen-Anhalt geht von etwa vier Fällen pro 10 000 Geborenen aus. Dass die aktuelle Rate aus Ain vergleichsweise niedrig zu sein scheint, kann auch damit erklärt werden, dass in ihr nur die dort aufgetretenen speziellen Anomalien erfasst sind, in den anderen Statistiken aber alle Arten von Fehlbildungen der oberen Extremitäten einbezogen werden. Doch selbst wenn man dies berücksichtigt, erscheint der von Santé publique vorgelegte Wert bislang nicht alarmierend.

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Nur wird das Zahlengewirr noch dadurch verkompliziert, dass Kritik an der Berechnung laut wurde. Das für die Region um Ain zuständige Melderegister hält die verwendete statistische Methode für ungeeignet. Das Register wiederum steht unter Druck; es gibt Differenzen um seine Arbeitsweise, ihm drohten Budgetkürzungen. Keine gute Situation, um die Vorgänge ruhig und objektiv zu evaluieren.

Zumal da solche Analysen ohnehin heikel sind. Es passiert gar nicht so selten, dass plötzlich eine Störung in einer Region besonders häufig auftritt. Tatsächlich kann auch purer Zufall dafür verantwortlich sein. Denn der Zufall waltet längst nicht immer in gleichmäßigen Mustern, sondern kann zeitweise an einem Ort mehr Ereignisse auftreten lassen und andere Orte dafür verschonen. Doch es fühlt sich nun mal sicherer an, eine handfeste Ursache benennen und dann vielleicht meiden zu können. Und so begegnen Wissenschaftlern in solchen Fällen immer wieder Unglaube und Spekulationen, bis hin zum Vorwurf der Vertuschung.

Andererseits gibt es auch Fälle, in denen ein klarer Grund gefunden wurde; der Contergan-Skandal ist ein prominentes Beispiel, an das jetzt in Frankreich wieder erinnert wird. Tausende Kinder kamen in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Fehlbildungen zur Welt, da ihre Mütter während der Schwangerschaft ein Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid eingenommen hatten.

Gerade bei Geburtsdefekten können die Ursachen sehr vielfältig sein. Man geht davon aus, dass etwa ein Drittel aller Fehlbildungen einen genetischen Hintergrund haben, sagt Wiesel. In rund einem bis fünf Prozent der Fälle sind Infektionen, Medikamente, wie das Epilepsiemittel Valproat, oder Vorerkrankungen der Mutter, wie ein Typ-1-Diabetes, die Ursache. Etwa die Hälfte aller Fehlbildungen erhalten das Etikett: Ursache unbekannt. In diesen Fällen können Umweltfaktoren wie Strahlung oder bestimmte Chemikalien eine Rolle spielen. Wiesel hält es theoretisch für denkbar, dass auch Pestizide Ungeborene schädigen können. In Südamerika wurden solche Fälle vermutet. Ob dies jedoch auf Europa mit seinen strengeren Bestimmungen zutrifft, ist nicht sicher, so der Mediziner. Auf jeden Fall ist es derzeit viel zu früh für eine Festlegung. Ein vollständiger Bericht soll bis Juni vorliegen.

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