Fallpauschalen "Jede Einsparung geht an die Substanz"

Sie verlieren den Schutz des Krankenhauses womöglich früher, als ihnen guttut. Dies ist in einigen Regionen Deutschlands besonders heikel. Vor allem im Osten und in ländlichen Gegenden fehlen ambulante Therapieplätze. Kranke müssen wochen- oder monatelang auf eine Weiterbehandlung warten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie schnell wieder in die Klinik zurückkehren; den berüchtigten "Drehtüreffekt" fürchten nun auch die Psychiater. "Die Einführung der neuen Vergütungen wird die Finanzierung psychiatrischer Leistungen wahrscheinlich vielerorts verschlechtern", warnt daher Oliver Pogarell.

Gesundheitswesen In der Medizinfabrik
Finanzierung der Kliniken

In der Medizinfabrik

Die Ökonomisierung zwingt Kliniken zu sparen oder fragwürdige Behandlungen anzubieten. Ärzte und Pfleger sind überlastet und müssen sich immer wieder die Frage stellen: Geld oder Güte? Ihre Antwort betrifft uns alle.   Von Berit Uhlmann

Denn für die psychiatrischen Kliniken stellt sich das besondere Problem, dass sie ein Minus - etwa durch personalintensive, individuelle Behandlungen - nur schwer kompensieren können. Das klassische Krankenhaus kann Verluste unter Umständen durch lukrative Untersuchungen oder Eingriffe ausgleichen. Der Psychiatrie bleiben nur Personalkürzungen, warnen Fachleute. Jede Einsparung "geht damit an die Substanz", sagt Jörg Fegert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Die Therapeuten, die Kinder behandeln, fürchten die Auswirkungen der neuen Fallpauschalen besonders. Das wurde auch auf dem Kongress der Kinder- und Jugendpsychiater deutlich, der vergangene Woche in München tagte. Da Kinder eine sehr enge Betreuung brauchen, ist der Personalaufwand in den jugendpsychiatrischen Häusern sehr hoch.

Gerade bei Minderjährigen ist es mit einer Stärkung der Seele nicht immer getan; auch die Familie und soziale Aspekte des Lebens spielen eine Rolle. "Psychisch kranke Kinder können manchmal nicht in ihre Ursprungsfamilie zurückkehren. Wir müssen dann Lösungen für diese Kinder finden, das braucht Zeit", sagt Franz Joseph Freisleder, Direktor des Heckscher-Klinikums für Kinder und Jugendpsychiatrie in München. Doch die Dauer der sozialen Unterstützung oder gar der Behandlung lässt sich nicht einfach verkürzen. Fegert kommentiert lakonisch: "Es mag ja sein, dass ein Chirurg durch viel Übung irgendwann schneller operiert, wir können auch durch noch so viel Training nicht schneller reden."

PEPP wird das neue Abrechnungssystem genannt. Die Abkürzung von "Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik" klingt durchaus dynamisch. Doch die Fachleute fürchten das Gegenteil: dass es ihnen eine zähe Bürokratie beschert. "Die Abrechnung ist kompliziert und kleinteilig", sagt Pogarell. Die Fachärzte müssen nun jede einzelne Handlung dokumentieren.

Dieser höhere Verwaltungsaufwand werde wiederum Zeit kosten. Zeit, die nicht nur für die Behandlung der Patienten fehlt, sondern auch für Gespräche mit den Angehörigen, den Austausch mit Kollegen und die Lehre. "Schon jetzt befassen sich zwei Drittel unserer Fortbildungen und Konferenzen nicht mehr mit neuen Erkenntnissen unseres Fachgebietes, sondern allein mit wirtschaftlichen Themen", sagt Freisleder. Es wirkt wie ein Vorgeschmack auf eine Entwicklung, die die Klinikpsychiater am meisten fürchten: dass irgendwann das ökonomische Denken über das Heilen und Lehren dominiert.