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Medizin:Zu Lasten der Patienten

Krankenhaus

In rund 300 Kliniken wird erhoben, wie viel etwa eine Operation kostet. Der Durchschnittswert gilt dann für alle Krankenhäuser.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Sogenannte Fallpauschalen sollen dafür sorgen, dass Behandlungs­kosten in Kliniken nicht explodieren. Laut einer Studie führen sie jedoch dazu, dass mehr als 100 000 Pflegekräfte fehlen.

Von Rainer Stadler

Die Finanzierung der Kliniken durch sogenannte Fallpauschalen gefährdet die Qualität der Behandlung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Das System sei intransparent und erzeuge Kostendruck, der insbesondere zu einer dramatischen Unterbesetzung in der stationären Krankenpflege führe. Dort fehlten bereits mehr als 100 000 Vollzeitstellen, heißt es in der Studie, die am Donnerstag veröffentlicht werden soll und der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Der Personalmangel gehe zulasten der Patientenversorgung, mahnt der Autor der Studie, der Hannoveraner Gesundheitsforscher Michael Simon. Unterbesetzung in den Kliniken erhöhe "das Risiko schwerer und lebensbedrohlicher Komplikationen bis hin zum Versterben".

Simon schätzt, dass die Fallpauschalen etwa 70 bis 90 Prozent der Klinikbudgets ausmachen. Die Pauschalen werden jährlich neu kalkuliert, auf Basis von durchschnittlichen Behandlungskosten, die in etwa 300 Kliniken erhoben werden. Diese Stichprobe sei allerdings nicht repräsentativ für alle Krankenhäuser in Deutschland, und sage erst recht nichts darüber aus, ob die Behandlung auch gut sei. 15 Jahre nach der Einführung der Fallpauschalen sei immer noch "vollkommen unbekannt, welche Qualität hinter den ermittelten Durchschnittskosten steht", bemängelt Simon.

Weil Klinikmanager aber an die Pauschalen gebunden seien und sie, wenn möglich, nicht überschreiten wollten, sparten sie häufig bei der Belegschaft, dem größten Posten in ihrer Kalkulation. Das Fallpauschalensystem bestrafe deshalb "eine überdurchschnittlich gute Personalbesetzung mit Verlusten und belohnt Unterbesetzung mit Gewinnen".

Gesundheitsforscher Simon beschreibt in der Studie, dass zwar der ärztliche Dienst in den vergangenen Jahren deutlich aufgestockt wurde in den Krankenhäusern, um 46 000 Vollzeitstellen zwischen 2002 und 2017. Im Gegenzug hätten die Klinikmanager aber beim Service- und Technikpersonal gespart und deren Arbeit in Tochterfirmen ausgegliedert, die deutlich schlechter bezahlten. Zudem sei bei den Pflegekräften massiv gespart worden, was dazu geführt habe, dass nun mehr als 100 000 Pflegerinnen und Pfleger fehlen - obwohl die Patientenzahlen und das Alter der Behandelten gestiegen sei. Um ein ähnliches Versorgungsniveau wie die Kliniken in der Schweiz oder Dänemark zu erreichen, müssten die deutschen Krankenhäuser laut der Studie sogar zwischen 160 000 und 260 000 zusätzliche Pflegekräfte einstellen.

In der Gesamtrechnung habe das System der Fallpauschalen dem Gesundheitssystem keine Kosten erspart, sagt Simon. Seit den Neunzigerjahren machte die stationäre Versorgung konstant zwischen 2,6 und 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Deshalb plädiert der Gesundheitsforscher für die Abschaffung der Pauschalen und die Rückkehr zum "Selbstkostendeckungsprinzip". Die Kliniken sollten, wenn sie wirtschaftlich arbeiten, wieder das Geld erhalten, das sie für ihren Betrieb und die Versorgung der Patienten benötigen.

© SZ/pamu
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